2. Phase: 1376 (1. Phase 1317)

 

 

 

Eckhaus Staedtebau Raumplanung, Zürich

Verfasser:in: Jascha Grabbe

Mitarbeiter:in: Alban Kuelling, Christian Blum, Nina Scherer

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Audiobeschreibung

 

Erläuterungstext Teilnehmende

«ENTFESSELT»

PROLOG | DER SOWOHL-ALS-AUCH-ORT

Wie Karl Scheffler bereits schrieb ist Berlin «eine Stadt, verdammt dazu ewig zu werden, niemals zu sein». Nirgendwo sonst zeichnet sich diese Aussage so sehr ab wie in diesem Perimeter. Dieser Ort ist von Überlagerung geprägt. Sowohl was die Geschichte, die städtebaulich- freiraumkonzeptive Einordnung, die Bevölkerungsstruktur und die angrenzenden Nutzungansprüche angeht. Es ist ein Patchwork der Identitäten. Ein Geschichte der Geschichte. Hier gibt es kein «Entweder-oder» sondern nur «Sowohl-als-auch».

Der Raum weigert sich in ein allzu starkes Korsett gedrückt zu werden, er steht unter Spannung und von dieser Dynamik lebt er. Ein aufgeladener Rahmen, mit einer Grünen Mitte im Herzen von Berlin.

WECHSELSPIEL ZWISCHEN INNEN UND AUSSEN

Die vielfältige Geschichte des Stadtraums zwischen Fernsehturm und Spree sorgt für eine vielseitige Gestaltung, die sich im Laufe der Zeit anreichert. Dabei gilt es, mit den vorhandenen Elementen zu komponieren, ohne sie in ein unitäres Gebilde zu zwingen. Das Projekt «entfesselt» schlägt ein neues Ensemble vor, dessen Räume sich überschneiden, während die Baumstruktur sie miteinander verbindet und als Gesamtstruktur lesbar macht. Diese Denkweise lässt flexible Etappierungen und wechselnde Nutzungen zu.

Der Transitraum Marx-Engels-Forum wird zum entschleunigenden Ort und lädt zum Verweilen ein.

Der Rahmen der grünen Mitte steht unter Spannung. Äussere Einflüsse drücken hinein, während sich die grüne Mitte nach aussen drückt. Diese Kommunikation zwischen innen und aussen generiert einladende Eingangssituation und programmierbare Nischen.

Mit dieser Form bricht das Marx-Engels-Forum aus seinem achsial-symetrischen Korsett aus und kann gezielter auf angrenzende Räume eingehen ohne an eigener Ausstrahlung einzubüssen.

Das neue Marx-Engels-Forum gibt mit seiner grünen Mitte, den verzahnenden Nischen und dem Ring, Raum frei für diverse Nutzungen. Durch partizipative Prozesse können die Nischen bei Bedarf umprogrammiert werden. Vom Quartiersgarten, zu Schmuckpflanzungen, über Lesegarten bis zur Pumptrackanlage ist alles als Weiterentwicklung denkbar. Der starke Rahmen und die freie Mitte halten den Raum zusammen.

NUTZUNG | IDENTITÄT | METAMORPHOSE

Ein Forum ist ein Treffpunkt, ein Ort des Austauschs und der Interaktion. Das Marx-Engels-Forum entfaltet sein Potential und wird seinem Namen als «Forum» gerecht, indem es von einem Denkmal mit angehendem Parkcharakter, zu einem vielseitig nutzbaren Park wird, der ein Denkmal in sich trägt ohne dessen Bedeutung und Wert zu mindern. Die zum Vierklang gehörenden Kunstwerke stehen im programmierten Rahmen, während die Marx-Engelsstatue in der grünen Mitte, von überall her einsehbar (auch von der Spree) steht – zusammen mit den Nutzern von heute die das Forum beleben. Eine Weiterentwicklung im Einklang mit dem Vierklang.

Die Mitte bleibt frei und grün und lädt von allen Seiten zum Betreten ein. Viele Räume mit Aufenthaltsqualität entstehen, schattige und sonnige Orte zum Verweilen, Spielen, Beobachten, Treffen und Austauschen.

Einer der zentralsten Orte ist der Quartiertreff, familienfreundlich mit Spielplatz und Anschluss an die grüne Mitte als grosszügige Spiel- und Liegewiese. Ein Treffpunkt um an der langen Tafel gemeinsam zu speisen und Feste zu feiern.

Mit dem Spreeplatz entsteht ein Ort an der Spree mit Raum und Platz am Wasser, bereit für OpenAir-Kinos, Konzerte, Theateraufführungen, Flashmobs etc.

Das stabile Freiraumgerüst bietet Nischen und Möglichkeiten sich diese anzueignen, temporär zu bespielen und/oder umzunutzen. Es wird ein Raum für die Menschen die dort Leben oder zu Besuch sind.

VOM BOULEVARD ÜBER DEN SQUARE VIA PARK ZUR SPREE

Der bisher trennende Raum der Spandauerstrasse wird zum verbindendem Boulevard, der sich auch in die Anlage integriert. Durch die Abklassierung der Karl-Liebknecht-Strasse und der Spandauerstrasse wurden die Strassenquerschnitte schmaler und die Querung der Strassen mittels Mehrzweckstreifen erleichtert.

Die Spandauerstrasse inkl. der angrenzenden Bereiche des Marx-Engelsforum wie auch des Rathausforums werden zum einladenden Schwellenbereich und binden die Anlage zusammen.

KOMPLEMENTATION

FORM UND RAUM

Als «Komplementation» wird das Ausgleichen von Erbgutschäden durch Kombination von Genomen bezeichnet. Die ursprüngliche DDR-Gestaltung wurde über die Jahre fragmentiert.

Als Würdigung dieser Epoche lehnt sich die Formsprache des Projektes mit seinen polygonalen Formen an den «60°-Trianglismus» rund um den Fernsehturm an. Durch freiere Formen und abgerundete Ecken wird eine Verwandtschaft aufgebaut die spannungsvoll ineinander zu greifen vermag und über den Strassenraum zwischen Marx-Engels-Forum und Rathausforum vermittelt ohne an eigener Ausstrahlung einzubüssen. So ist beispielsweise auch eine Ähnlichkeit des Zelebrierens von Terrainsprüngen bei den Wasserkaskaden des Fernsehturms und der terrassierten Liegeböschung am Spreeufer zu erkennen.

Die essentiellen Sicht-  und Raumbeziehungen bleiben bestehen und werden durch neu inszenierte angereichert.

STÄDTEBAULICHE- UND FREIRAUMKONZEPTIVE EINORDNUNG | Drei Freiraumsysteme

  1. KLAMMER: ACHSEN | PLÄTZE

Die historischen Achsen „Französische Strasse – Rathausstrasse (ehem, Königsstrasse) und „Unter den Linden – Karl-Liebknecht-Strasse spannen eine Klammer mit einer Abfolge von Grünräumen und Plätzen auf. An diesen Achsen gliedern sich wichtige Kultur/Bildung und Tourismusangebote an. Die Berliner Forenanlagen liegen als Transitort im Übergangsbereich dieser Achsen.

  1. LINEARES ANDOCKSYSTEM SPREE

Das Marx-Engels-Forum ist Teil des Spreeraums. Der Spreeraum ist ein lineares Weg-Promenadensystem mit andockenden Parkanlagen, der sich durch ganz Berlin zieht. Das Marx-Engels-Forum dockt ebenfalls an die Spree an und profitiert als Erholungsraum von dem Bezug zum Wasser und der Weitsicht entlang der Spree.

  1. GRÜNRAUMMOSAIK

Die gesamte Anlage ist Teil eines Grünanlagenmosaiks, dass wie Trittsteine funktioniert. Sie stehen in direktem Bezug zum benachbartem Stadtraum. Die Verbindung dieser einzelnen Freiräume geschieht vorwiegend über den Strassen-/Verkehrsraum, was ihm entsprechend grosse Bedeutung zuspielt. Die Anlage kommuniziert mit der angrenzenden Umgebung über den Strassenraum und Sichtbezüge. Sie gehört zusammen mit den naheliegendem Monbijou-Park und dem Lustgarten zu den grössteren Grünanlagen der Umgebung.

VEGETATIONSKONZEPT

Die angedachte Pflegestufe befindet sich zwischen 3 (Standart reduziert) und 4 (extensiv). Der bisherige Charakter der Anlage lässt dies auch zu. So wird beispielsweise die offene Spiel- und Liegewiese, mit einer Rasenmischung gestaltet, die den klimatischen Verhältnissen und Bodenansprüchen sowie dem Nutzungsdruck standhalten kann.

Der Baumbestand springt über die Spandauerstrasse zur Fernsehturmanlage und verbindet so die Räume. Es entsteht eine leicht diffuse Filterschicht, die Sichtbezüge freispielt. Die Sichtachse zwischen Fernsehturm und Humboldt-Forum bleibt frei. Die Baumrahmen lösen sich zur grünen Mitte hin leicht auf. Der Baumlayer ist vom Bodenlayer losgelöst.

Zur Zeit der DDR wurden im Marx-Engels-Forum Forstjungbäume gesetzt, die nun über die Jahre einen malerischen natürlichen Wuchs entwickelt haben. Die Ergänzung im Parkbereich soll mit ähnlichen Qualitätsstandarts erfolgen. Die Zeitzeugen von damals (vorwiegend Linden, Kastanien, Buchen,…) werden mit Zeitzeugen von heute (klimaresistentere insektenfreundliche Stadtbäume) kontrastiert und ergänzt.

Bereich Spreeufer:

Fraxinus ornus ‘Mecsek’, Gleditsia triacanthos ‘shademaster’, Robina pseudoacacia ‘Nyirsegi’, Koelreuteria paniculata

Bereich Liegewiese Marx-Engels-Forum:

Eriolobus trilobatus, Parrotia persica, Quercus cerris, Liquidambar styracifluar ‘Worplesdon’, Magnolia kobus

Bereich Boulevard und Rathausforum:

Gleditsia triacantos ‘Skyline’, Quercus rubra, Quercus cerris, Sophora japonica, Tilia tomentosa ‘Brabant’

REGENWASSERMANAGMENT

Grundsätze:

Anfallendes Regenwasser versickert / verdunstet vor Ort

Gesamtanlage von der Stadtkanalisation entkoppeln

Maximal entsiegelte Oberflächen (dem Benutzerdruck entsprechend optimiert)

MARX-ENGELS-FORUM

Regenwasser kann vor Ort versickern oder wird verlangsamt in Baumscheiben und Grünflächen geleitet, wo es von Pflanzen aufgenommen und transpiriert werden kann.

Überschüssiges Sickerwasser wird aufgenommen und auf den Spreeplatz geleitet, wo es als Wasserspiegel wieder zum Vorschein kommt und spielerisch verdunstet.

RATHAUSFORUM

Das anfallende Wasser im Rathausforum versickert entweder in den Baumscheiben oder wird durch eine grosszügige Rinne mit Retentionsfunktion gesammelt und in eine Zisterne geleitet, welche ihre Notüberläufe in angrenzende Retetionsversickerungsmulden hat. Die Zisterne kann je nach ausgebautem Fassungsvolumen bis zu 3750 Bäume über vier Sommerwochen bewässern. Es könnte also sinnvoll sein, eine erweiterte Wasserversorgung der Gesamtanlage mit dieser Zisterne zu koppeln. Die begrünten Versickerungsretentionsmulden sind Schwerpunkt der Evapotranspirationsräume und werden entsprechend optimiert.

KIPPENDER RING

DAS SPIEL ZWISCHEN INNEN UND AUSSEN

Die Schnittstelle zwischen der «Grünen Mitte» und dem hineingreifendem Boulevardbereich wird durch zwei parallel verlaufende, 60cm breite Betonringe betont, die sich entgegengesetzt voneinander leicht abkippen. So wird der innere Ring überall bei hineinragenden Fingern zur Stufe, bei hinausragenden Fingern zur raumbildenden Sitzmauer.

Dies generiert ein bewusstes Eintreten in die «Grüne Mitte» und sorgt von innen nach aussen gesehen für einen leichten Perspektivenwechsel, welcher die Strassen ausblendet.

UMGANG SPREEUFER

Die potentiellen Qualitäten im Bereich des Spreeufers sind zu hoch um hier die Chance nach einer ihrer Lage- und Stellenwert gerechten grossen Geste zu verpassen.

Der einzigartigen Platz an der Spree holt den Fluss räumlich in das Marx-Engels-Forum und zelebriert das Erleben des Spreeraums.

Der Entwurf setzt sich grundsätzlich zum Ziel, den Baumbestand wenn immer möglich zu erhalten. Mit dem Wissen um einen relativ invasiven Eingriff in die bestehende Topografie, traut sich der Entwurf dennoch, die Opfer einiger Bäume, zum Wohle einer verbesserten räumlichen Gesamtsituation, in Kauf zu nehmen. Da es sich weitestgehend um von der Miniermotte geplagte Kastanien handelt, werden diese anschliessend durch klimaresistentere Baumarten ersetzt.

Der sich im Spreeuferbereich befindliche humose Sand, der beim Böschungsabtrag zum Vorschein kommt, wird zur Bodenverbesserung der Liegewiesen benutzt. Die Erhöhung der Feinanteile in der Erde führen zu einer verbesserten Wasserspeicherfähigkeit.

Die Erdbauarbeiten werden archäologisch begleitet. Sollten interessante Funde gemacht werden, werden sie in die Gestaltung der Böschung integriert. Die Böschung wird also gegebenenfalls zusätzlich zu einem großen «archäologischen Fenster» in dem die Schichten unter dem Marx-Engels-Forum erlebbar werden.

WASSERELEMENTE

Das Konzept sieht drei verschiedene Wasserelemente vor:

«Brunnen der Vielfalt»

Er befindet sich beim nördlichen Einstieg in das Marx-Engels-Forum auf der Flucht des Neptunbrunnens. Er ist als interaktives Wasserspiel mit Nebeldüsen und verschiedenen Bodenfontänen, die mit Sensoren die Besucherintensität widerspiegeln, gestaltet.

«Spreebecken»

Das flache Wasserbecken mit innerem Gefälle von null auf -20cm mit eingraviertem Verlauf der Spree, befindet sich beim Quartiertreff (Familientreff). Es ist zusammen mit dem angrenzenden Sandkasten als Spielelement gedacht.

«Spiegel auf dem Spreeplatz»

Es handelt sich um einen flachen max. 5cm tiefen Wasserspiegel, der durch das auf dem Marx-Engels-Forum anfallende Regenwasser gespiesen wird. Er bringt den Bezug zum Wasser noch näher an die Besucher. Bei schönem Wetter verdunstet das Wasser langsam. Der Stein erhält dadurch eine unterschiedliche Patina. Bei Events kann das Wasser abgelassen werden und der Spreeplatz wird zur Bühne.

BERLINER SOFAS

Die Gesamtanlage inklusive des südlichen Teils der Fernsehturmumgebung wird mit «Berliner Sofas» punktuell bespielt – ein robustes modulares Sitz- und Liegeelement, welches auch als Spielelement und Bühne genutzt werden kann.

BAUPHASEN

Bauphase 1 | Marx-Engels-Forum

Bauphase 2 | Rathausforum

Bauphase 3 | Boulevards