2. Phase: 1377 (1. Phase 1321)


 

 

ST raum a. Gesellschaft von Landschaftsarchitekten mbH, Berlin

Verfasser:in: Tobias Micke

Mitarbeiter:in: Mathias Werner, Jérôme Duréault, Djordje Ilic, Anna Johannis

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Audiobeschreibung

 

Erläuterungstext Teilnehmende

FORUM | Berlin

Bezeichnete man ein Forum im Römischen Reich als einen Platz, der das politische, juristische, ökonomische und religiöse Zentrum eines Ortes darstellte, so haben das Rathausforum und das Marx-Engels-Forum in der Berliner Innenstadt zuweilen eine andere Funktion. Sie fungieren als repräsentatives Umfeld für Baudenkmale, als grün geprägter Rückzugsort und als klimawirksamer und beruhigender Freiraum für die sie umgebende, pulsierende Stadt. Als einer der bedeutendsten Freiräume der Stadt wird unter Berücksichtigung und Integration der historischen Schichten und Bedeutungsebenen das FORUMberlin zu einem attraktiven Ort für alle Menschen gestaltet. Ein Ort, der Grenzen überwindet und Belastungen abwirft, der sich den Herausforderungen gesellschaftlicher Veränderungen und klimatischen Bedingungen stellt, um zu einem attraktiven, lebendigen und gesunden Mittelpunkt Berlins zu werden.

In immer komplexer werdenden Zusammenhängen und Entwicklungen sind transparente und eindeutige Strukturen unabdingbar für einen gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das klar gegliederte FORUMberlin berücksichtigt uneingeschränkt alle gewachsenen Strukturen, historischen Spuren und den eindrucksvollen Baumbestand in einem großen Zusammenhang.

Ausgehend von der axialsymmetrischen Anlage rund um den Fernsehturm erstreckt sich eine durchgängige Sichtbeziehung über die Spandauer Straße hinweg bis zur Spree und zum eindrucksvollen Bau des neuen Humboldtforums mit weithin sichtbarer Kuppel. Ist diese Achse rund um den Neptunbrunnen im denkmalgeschützten Kontext steinern geprägt, so ist die Mitte rund um das Marx – Engels – Denkmal von weitläufigen Rasen- und Wiesenflächen bestimmt.

Lineare Baumpflanzungen und langgestreckte Sitzkanten rahmen das Umfeld des Neptunbrunnens, dessen kreisförmige Pflasterung aus Granitsteinen erneuert wird. Sämtliche Wege- und Platzflächen werden mit einem eleganten und gleichzeitig robusten, zeitlosen Betonsteinpflaster, analog dem Umfeld des Fernsehturms, befestigt. Das vorhandene Betonpflaster und sonstige Einbauten aus Beton werden im Sinne einer maximalen Nachhaltigkeit vor Ort gebrochen und dienen der Neubefestigung als Schottertragschicht. Die dreieckigen Pflanzflächen bleiben vollständig erhalten und werden mit neuen, steinernen Sitzkanten gefasst. Die Bepflanzung sollte mit robusten, naturnahen und bodendeckenden Rosenarten als Bienenweiden bepflanzt werden. Den grünen Rahmen um die steinerne Mitte bilden beidseitig bestehende und neue Baumpflanzungen, teilweise werden befestigte Flächen an den Platzrändern entsiegelt. Das Mendelsohn-Denkmal, das neue Luther Denkmal und das unveränderte Umfeld der Marienkirche werden in das Gesamtkonzept integriert. Entsprechend der historischen Vorlagen entstehen am Luther Denkmal und vor dem Roten Rathaus trapezförmige Grünflächen, die auf den Neptunbrunnen fokussieren. Vor dem Rathaus entsteht eine zusammenhängend befestigte, mit wenigen Gestaltmitteln ausgestattete Platzfläche als ‚Ort der Demokratie‘. Die vorhandenen Schachtanlagen, neuen U-Bahn-Ausgänge, sowie ‚begehbare Fenster‘ über historischen Spuren (Edelstahlgitterroste liegen auf Stützmauern auf, die Relikte werden bei Nacht dezent beleuchtet), bestehende Bäume, Sitzkanten und  behindertengerechte Stellplätze werden ganz selbstverständlich in die steinerne Ebene integriert. Das mit Rasen belegte, sanft geneigte Trapez schafft eine beruhigende Verbindung zwischen Rathaus und Brunnen. Der in einer Lichtung befindliche Beachvolleyballplatz wird durch weitere Sport- und Freizeitangebote wie Streetball, Skateboarden, Parcours, Tischtennis etc. ergänzt und sollte in Abstimmung mit dem Jugendclub allen Menschen zugänglich sein.

Das vor Jahren sanierte Umfeld des Fernsehturms wird punktuell saniert. Die bestehenden Beläge werden gesäubert und schadhafte Stellen erneuert. Die bestehenden Pflanzflächen bedürfen einer intensiveren Sanierung. Empfehlenswert ist die grundhafte Säuberung der Pflanzbeete und eine intensive Bodenverbesserung für neue Bepflanzungen mit standortgerechten Pflanzen. Von besonderer Bedeutung ist die dauerhafte und intensive Pflege der neu angelegten Pflanzflächen. Für die existierenden Bäume wird eine Sanierung und Verbesserung des Wurzelraums vorgeschlagen, damit die Pflanzen mit neuer Wuchskraft ihre angestrebte Größe erlangen und dauerhaft vital einen wohltuenden Kontrast zum monolithischen Umfeld entfalten. Sämtliche Baumscheiben werden dafür erneuert.

Rund um die Skulpturen von Karl Marx und Friedrich Engels, die in einem mit Granitpflaster befestigten Kreis an historischer Stelle erhalten bleiben, erstrecken sich ausgedehnte Rasenflächen, die sämtliche vorhandenen Bäume integrieren. Trittplatten mit Rasenfugen führen auf ungerichteten, somit nicht hierarchisierten Verbindungen von den Parkwegen zum kreisrunden Denkmal. Im Gegenüber vom neuen Humboldtforum führen großzügige Sitzstufen zum Niveau der tiefer liegenden Spreepromenade, die trapezförmige Platzfläche mit Kiosk und Kartenverkauf dient als Anlegestelle für Ausflugsboote.

Die bestehenden Bäume, die ausnahmslos erhalten bleiben und durch klimagerechte Neupflanzungen gezielt ergänzt werden, schaffen beidseitig der grünen, offenen Mitte einen schattenspendenden Kontrast. Ein differenziertes Wegesystem aus wasserdurchlässigen Belägen – wassergebundene Wegedecken und durchgefärbter Dränasphalt für eine uneingeschränkte Barrierefreiheit – berücksichtigt die Baumstandorte und greift bestehende und neue Verbindungen auf, verbindet das Forum mit der unmittelbaren Nachbarschaft. Unter Anwendung eines konsequent eingesetzten ‚animal-aided-designs‘ – für eine größtmögliche Biodiversität werden geeignete, der Fauna dienende Einrichtungen vorgesehen – werden die baumbestandenen Ränder sehr behutsam entwickelt. Zwischen flächendeckenden, schattenverträglichen und maximal hüfthohen Pflanzungen werden bestehende und neue Lichtungen mit einem breiten Angebot für alle Menschen geschaffen – beruhigende Rückzugsorte, blühende Prairiestaudenflächen, artenreiche Schattenwiesen und punktuell aktive Spiel- und Freizeitangebote. Gegenüber dem Nikolaiviertel entsteht in einer neu angelegten Lichtung ein Motorikpark für alle Altersgruppen. Orte der Erinnerung und bestehende Einbauten werden in den Hainen integriert. Entlang der offenen grünen Mitte laden Sitzbänke zum Verweilen ein, die große Wiese dient der individuellen Aneignung.

Die Lichtungen sollen sich in dauerhaft dialogischen Prozessen dynamisch entwickeln und den Anforderungen einer sich stetig verändernden Gesellschaft Rechnung tragen. Das bürgerliche Engagement darf sich nicht auf das Mitspracherecht nach der geeigneten Lösung zur Umgestaltung beschränken, sondern sollte aktiv bei zukünftigen Erhaltungs- und Transformationsprozessen fortgesetzt werden.

Die Auswirkungen des Klimawandels sind insbesondere in den stark verdichteten Innenstädten spürbar. Aus diesem Grund kommt dem FORUMberlin eine besondere Funktion zu, dient es doch als Grüne Lunge und Kaltluftinsel inmitten der Stadt. Den immer häufiger auftretenden Hitzeperioden und Starkregenereignissen muss mit geeigneten Maßnahmen begegnet werden. Den Prinzipien der ‚Schwammstadt-Berlin‘ folgend, verbleibt sämtliches Regenwasser auf dem Grundstück, wird den Pflanzen oder dem Grundwasser zugeführt: bei den größtenteils befestigten Flächen des Rathausforums wird das Wasser in unterirdischen Zisternen gesammelt und bei Bedarf den Pflanzflächen mittels solarbetriebener Pumpen zugeführt. Die Freiflächen am Marx-Engels-Forum sind unter Berücksichtigung der Baumwurzeln und der barrierefreien Wege dezent modelliert, sodass überschüssiges Regenwasser gesammelt wird und verzögert versickern oder verdunsten kann. Auf lange Sicht, bis 2040 – wenn Kraftfahrzeuge mit Verbrennungsmotoren aus der Innenstadt ausgeschlossen sind – sollten auch Oberflächenwässer der angrenzenden Straßen in Zisternen und Rigolen gesammelt, gereinigt und pflanzenverfügbar gemacht werden. Einen wertvollen Beitrag kann die Klimastation in Nähe des neuen Luther-Denkmals leisten, vorstellbar ist die Erweiterung als Lernort mit einem konsequenten Monitoring der aktuellen Situation, verbunden mit einer frühzeitigen Handlungsoption. Ergänzt wir diese Station durch einen wissenschaftlich begleiteten Lernort zum Thema Stadtökologie und Nachhaltigkeit inmitten der Baumlichtungen – denkbar ist eine Zusammenarbeit mit den Hochschulen der Stadt und dem geförderten Bundesfreiwilligendienst.

Dem Aspekt der Sicherheit wird in diesem zentralen Freiraum eine besondere Bedeutung beigemessen. Sämtliche Hauptwege werden durch hohe, intelligente Leuchtstelen ausreichend erhellt. Die sich durch Photovoltaikelemente selbst versorgenden, zylindrischen Leuchtkörper können modular mit Sicherheitskameras, W-Lan-Empfang, Informationseinrichtungen und Versorgungspunkten für Wasser und Strom ausgestattet werden.

Die umgebenden Straßenräume binden das FORUMberlin in das Stadtgefüge ein. Im Sinne einer klimagerechten Innenstadt wird der Individualverkehr langfristig zugunsten des ÖPNV und einer fußgänger- und fahrradfreundlichen Innenstadt auf ein Minimum begrenzt. Dafür werden bestehende Straßenverläufe konsequent zurückgebaut und auf einspurige Fahrwege mit Schrittgeschwindigkeit reduziert, an denen seitlich großzügige Radwege vorgesehen werden. Grüne Tramgleise und kräftige Baumpflanzungen säumen die Wege und Straßen und schaffen ein angenehmes Klima für die Geschäftsbereiche an den Platzkanten. Boulevardartige Straßenräume laden dann zukünftig zum Flanieren, Verweilen und Shoppen ein. Die Trasse der Spandauer Straße bleibt langfristig erhalten, da sie eine übergeordnete Funktion im Verkehrswegenetz der Stadt hat. Die Straße markiert ebenfalls den Übergang der grundsätzlich unterschiedlichen Handschriften von Rathausforum und Marx-Engels-Forum. Gleichwohl wird die Straßenbreite konsequent reduziert. In einem ersten Schritt bis 2024 werden Pop-up Fahrradwege eingerichtet und die Fahrspuren auf eine Trasse je Fahrtrichtung reduziert. Die Trennung der beiden Fahrtrichtungen erfolgt mit Laubbäumen in Pflanzkübeln. Reisebusse dürfen nur noch außerhalb der Mittelachse zwischen beiden Foren halten. Langfristig bis 2030 wird dann das Straßenprofil auch baulich reduziert, die freiwerdenden Flächen, den unversiegelten Freiflächen zugeordnet. Die Gleise der neuen Tramtrasse werden begrünt, im Verlauf der Mittelachse entsteht ein breiter, barrierefreier Übergang für Fußgänger. Bis 2040 wird die Spandauer Straße dann für den motorisierten Individualverkehr vollständig gesperrt, ausschließlich Rettungs- und Versorgungsfahrzeuge sowie der ÖPNV, Radfahrer und Fußgänger dürfen die Spuren nutzen.

Im Bereich der zukünftigen Tramtrasse entlang der Rathauspassagen wird die heute stark versiegelte Fläche temporär als grüngeprägte, aktive Ideenwerkstadt mit Ausstellungsbereich gestaltet, in der die Beteiligungsprozesse fortgesetzt und die Ergebnisse öffentlich präsentiert werden. Ab 2027 wird dann das grüne Gleisbett für die neue Tramlinie angelegt.

Das FORUMberlin wird zu einem Ort der Begegnung, ein geschichtsträchtiger Freiraum für alle BürgerInnen der Stadt und ein attraktiver Mittelpunkt für alle BesucherInnen.