2. Phase: 1378 (1. Phase 1357)

 

ARGE friedburg&hhvh Landschaftsarchitekten, Berlin

Verfasser:in: Inga Hahn, Susanne Friedburg

Mitarbeiter:in: Roxane Kell, Linda Reiners, Ying Zhang

Sonderfachleute: Visualisierung: Sven Hinrichs, Metamountain, Berlin

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Audiobeschreibung

 

Erläuterungstext Teilnehmende

GRÜNES FORUM BERLIN MITTE

Stadträume verweben und Grün Nachverdichten! – Klimawirksamkeit und Grünkonzept.

Mit dem Entschluss der Berliner:innen, ihre Mitte als Freiraum zu entwickeln, bietet sich die große Chance eine größtmögliche Klimawirksamkeit in der Fläche herzustellen, gleichzeitig überlagert mit einer Vielfalt an Nutzungsmöglichkeiten für Mensch und Fauna. Entsprechend liegt ein großer Fokus auf der behutsamen Verdichtung des Gehölzbestands mit unterschiedlichsten Baumarten, der Entsieglung und Entwicklung vielfältiger Grünflächen. Wichtiger Aspekt in der Umsetzung: mit der Maßnahme bewusst in funktionierende Baumquartiere investieren.

Entwurfsidee

Der Entwurf setzt aus der Fußgängerperspektive an. Der Stadtraum wirkt heute entrückt und fragmentiert wie eine Stadtcollage. Aus Fußgänger:innensicht sind insbesondere die räumlichen Dimensionen von teilweise mehreren 100m als Freiraum nicht fass- und erlebbar. Der Entwurf führt den Ort mit raumbildenden Elementen auf ein menschliches Maß aus max. 100x100m zurück. Aus der stadträumlichen Einbindung entsteht eine zentrale grüne Mitte, an die sich sowohl stadträumliche Bezüge als auch neue Freiraumorte mit eigenen Atmosphären andocken. Der Baumbestand wird zu einem umlaufenden grünen, urbanen Hain ergänzt. Gleichzeitig durchzieht ein System aus Erlebnisorten und grünen Wiesen- und Staudenmulden dieses Band, in das der neue Rathaus- und Marienkirchenplatz als historisch erlebbare Relikte eingebunden sind. Die Besucher:innen können hier durchdiffundieren oder entschleunigend verweilen. Im Vordergrund steht das sinnliche Erleben. Auf QR Codes o.ä. wird bewusst verzichtet.

Grünes Forum und Panoramaweg.

Eine Grünes Bankett gestaltet die neue Mitte und proportioniert den Raum neu. Die steinernen Flächen werden entsiegelt und durch ein grünes Liegeplateau ersetzt. Die einstige Fernsehturmgestaltung wird so sanft weiterentwickelt und transferiert. Die bestehenden Pflasterstrukturen werden aufgelöst. Die offene Mitte wird als ruhige grüne Fläche ausgebildet, die den Blick in den Raum trägt und zum verbindenden Element zwischen Rathaus- und Marx-Engels-Forum wird. Sie bildet einen Ruhepol im bewegten Umfeld und schafft Orientierung. Gleichzeitig setzt ein umlaufener Panoramaweg die Stadtfragmente in einen angemessenen Bezug zueinander, stellt einen menschlichen Maßstab her. Im Marx-Engels-Forum verzahnt sich der Panoramaweg mit dem Baumbestand und bietet immer wieder neue Blickrichtungen in den Hain und auf die Große Wiese. Er lädt wie ein Galerierundgang zum Flanieren, Entdecken ein. Historische Stadtfragmente wie Jüdenstr., Post- und Heilige Geist Str. docken hier an sowie das Rote Rathaus mit einer eigenen Platzfläche und die Marienkirche, die auf, einem ihre ursprüngliche Blockdimension nachzeichnenden Platz ruht. Die Leuchtenreihe vom Schlossplatz wird im Verlauf der ehemaligen Königsstraße bis zur S-Bahn fortgesetzt.

Der Urbane Hain – Baumkonzept.

Ein Grünes Blätterdach fasst um die Grüne Mitte herum die mannigfachen bewegten Nutzungen und vielschichtigen historischen Fragmente zusammen. Die Bestandsbäume werden als wertvolles Grünvolumen betrachtet und mit vielfältigen Gehölzergänzungen arrondiert. Eine Ertüchtigung der Baumquartiere, das Aufasten und Pflegemaßnahmen der Gehölze sind eine erste wesentliche Maßnahme. In einem ersten Realisierungsschnitt bis 2024 werden alle Bäume mit Qualitätsstufe 3 und niedriger und die
Bäume im Bereich des Rathausforums mit erheblichen Schäden durch die Baustelle entnommen. Bis 2030 wir davon ausgegangen, kurzlebige Gehölze (Populus tremula, P. simonii, P. nigra) zu entnehmen, die ihren Zenit überschritten haben. Sich stark ausbreitende und konkurrenzstarke Arten (Ailanthus altissima) werden im Zuge der neu entstehenden Umweltbedingungen nach und nach entfernt (Vitalitätsstufe 2). In den Lagen zur Spandauer Str. hin werden bewusst ausladend wachsende Großbäume wie die Platane gesetzt, um das Straßenprofil optisch grün zu verschmälern. Bis 2040 können alle Gehölze mit einer Vitalitätsstufe von 2 und schlechter entfallen, da ein verbessertes Wachstum in den sich verändernden Umweltbedingungen unwahrscheinlich ist. Alle Götterbäume werden entfernt, um die flächige Ausbreitung der Art zu verhindern, da diese mit steigenden Temperaturen begünstigt wird.

Eine geschwungene Spreelandschaft

Der Urbane Hain löst sich zum Wasser hin in eine geschwungene landschaftliche Uferpromenade auf. Hierin sind barrierefreie Rampen integriert, um die Spreepromenade mit Karl-Liebknecht Str. und dem Nikolaiviertel anzubinden. Im Bereich zum Nikolaiviertel hin ist ein Findlingsgarten mit Nebeldüsen analog einem Gebirgsbach in die Böschung als erfrischender Kinderspielort an den Holzplatzeaus integriert. Das Ufer wird landschaftlich als grüner Erlebnisort mit bewegter Topographie und informellen bespielbaren Orten entwickelt.

Nutzungsvielfalt – Ein Ort für Alle!

Um das Grüne Forum bildet sich ein Urbaner Hain, in dem eigene Erlebnisorte, Orte mit unterschiedlichen Atmosphären positioniert und ebenso zu entdecken sind wie Elemente der Geschichte (Geschichtsstelen, Archäologische Fenster etc.). Die zentrale grüne Mitte bietet Orientierung, Sehen und Gesehen werden – der grüne Hain und die Spreelandschaft bieten sowohl grüne Rückzugs- als auch Aktive Orte. Die neuen Aktivorte und Ausstattungen können prozesshaft entwickelt und konkretisiert werden und sind noch frei verhandelbar. Der Park animiert zur Bewegung. Multifunktionale Bewegungsangebote, skulpturale Ausstattungselemente laden zur Aneignung, zum informellen Treff und fungieren als Sitzmobiliar. Sie bilden Workinglounges und gleichzeitig bequeme Parkbänke. Der Entwurf gibt Kreativität und Kultur Raum. Im urbanen Hain gibt es eine Vielzahl von kleinen Orten, zur Aneignung, die Raum für kleinere informellere Treffen haben. Im Zentrum des Parks bildet eine großzügige Wiesenmulde eine multifunktionale Bühnensituation. Vor dem Roten Rathaus verortet eine Platzfläche einen Ort der Demokratie, der Platz für Veranstaltungen bietet. Der gesamte Park ist barrierefrei erschlossen. Wird die Große Wiesenmulde im Winter geflutet, kann sie als Schlittschuhbahn aktiviert werden. Einen besonderen Akzent setzen großzügige Holzplateaus am Panoramaweg zur Spree hin, auf denen sich die Abendsonne genießen lässt. Gleichzeitig bietet sich ein imposantes Panorama auf den Fernsehturm

Geschichte lesen, sicht- und erlebbar machen.

In den Entwurf sind immer wieder historische Relikte zum Entdecken in Form von Infopunkten, Archäologischen Fenstern etc. eingewoben. Zu den Stämmen des Urbanen Hains gesellen sich Geschichtsstelen, in denen historische sowie persönliche Geschichten aufleben und die individuell gestaltet werden können.

Mobilitäts- und Verkehrskonzept Ausblick 2040+

Die Mobilität in Berlin Mitte ist über Mobility Hubs und gut organisierte Rad-/Roller Verleihsysteme optimiert worden, der PKW Verkehr weitgehend rückgebaut. Die Karl-Liebknechtstraße wurde auf zwei Fahrspuren reduziert. Die frei werdenden Spuren werden zu einem grünen Boulevard mit einer Fahrradfahrspur und einem großzügigen Fußgängerbereich vor den Ladenzeilen umgewidmet. Der breite Zweirichtungsradweg setzt sich Richtung Unter den Linden fort und nimmt die über den Platz an der Markthalle aus dem Norden Kommenden auf. Ebenso leitet ein Zweirichtungsradweg durch einen Grünen Boulevard den durchgängigen Radler Richtung Schlossplatz und Leipziger Str. Die Rathausstr. vor dem Nikolaiviertel wird auf den Anliegerverkehr reduziert und in einen durchgängigen Platzbelag einbezogen. Auch die Spandauer Str. ist auf ein Minimum von zwei Fahrspuren mit begleitenden Radwegen reduziert worden, die bei Bedarf die Umleitung der Straßenbahnen aufnehmen. Im gesamten Bereich des Forums gelten die klassischen Shared Space Regeln der gegenseitigen Rücksichtnahme. Eine niveaugleiche Platzfläche spannt von Fassade zu Fassade den Raum auf.

Regenwassermanagement und Entwässerung

Der Entwurf entsiegelt großzügig. Die Wegeführung lässt die Wege zum mittigen Panoramaweg leicht ansteigen. So bilden sich im Bereich der bestehenden Bäume leichte Senken und Spielraum, um die Gehölze zu unterpflanzen, entsteht. Die großzügigen seichten Pflanzsenken strukturieren den Raum. Gleichzeitig halten sie Regenwasser zur Verdunstung und zeitverzögernden Abgabe zurück. Die stark erhöhte Vegetationsmasse mit großen Blattstrukturen erhöht die Verdunstungs- und Kühlungsleistung. Mit dem angehobenen Rasenplateau um die Rosenbeete wird Raum für Wasserreservoirs geschaffen, die Oberflächenwasser über Schotterrinnen sammeln und zur Bewässerung der Grünanlagen vorhalten. Wo befestigte Flächen auf Grund der Anforderungen von Nöten sind wird das Oberflächenwasser in offenen Rinnen und Punktabläufen gesammelt.

Wirtschaftlichkeit

Der Entwurf legt Wert auf zeitlose und robuste Materialien und Ausstattung, um die Pflege- und Instandsetzungskosten bestmöglich zu minimieren. In der Höhenplanung wird der Boden so gemanagt, dass die Erdmassen in der Summe möglichst vor Ort eingebunden werden.