2. Phase: 1380 (1. Phase 1343)

 

 

Rehwaldt Landschaftsarchitekten, Dresden

Verfasser:in: Till Rehwaldt

Mitarbeiter:in: Martin Mengs, Xihe Yu, Angela Aurin

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Audiobeschreibung

 

Erläuterungstext Teilnehmende

city sponge berlin

Konzept

In unserer Vision für das Rathaus- und Marx-Engels-Forum entsteht bis 2040 ein nachhaltiger, klimagerechter Stadtraum für alle Bewohner Berlins. Hier kommen sie zusammen, um ihre Stadt zu genießen und heißen ihre Gäste willkommen. Innerhalb eines urban geprägten Rahmens, der auch wesentliche Erschließungsfunktionen aufnimmt, werden mit dem Rathaus- und Marx-Engels-Forum zwei grüngeprägte Stadträume mit sehr unterschiedlichen Charakteren entwickelt. Ziel ist es dabei, mitten im Zentrum Berlins eine resiliente Stadtlandschaft zu schaffen, die im Umgang mit den Herausforderungen des Klimawandels, insbesondere in Bezug auf Regenwassernutzung und Biodiversität eine beispielhafte Ausstrahlung entfaltet.

Hier, am Ort der ersten Siedlungsstrukturen von Berlin, bildete die Spree Mäander und Altarme, es gab Sümpfe und Werder. Eigentlich war Berlin schon immer eine „Schwamm-Stadt“. Inspiriert von dieser besonderen Situation zwischen Land und Wasser wird die Idee eines „Stadt-Schwamms“ (City Sponge) mitten im urbanen Zentrum entwickelt. Gleichzeitig entstehen damit Habitate für eine vielfältige Fauna und Flora.

Wir befinden uns aber auch an einem historischen Ort, der in verschiedenen Zeitepochen unterschiedliche Prägungen erfahren hat. Der angemessene und respektvolle Umgang mit diesen Zeitschichten, seien sie als gebaute Strukturen oder nur noch im kollektiven Gedächtnis vorhanden, ist ein weiteres Anliegen des Konzeptes. Beginnend mit der ersten Besiedlung im Sumpfland der Spree, über das Industriezeitalter bis zum Sozialismus marxistischer Prägung steht dieser Ort wie kaum ein zweiter für die gesellschaftlichen Entwicklungsprozesse der letzten Jahrhunderte in Deutschland. Und auch in der Zukunft wird die Idee unseres Zusammenlebens den Ort formen: der Wechsel von hierarchischen Strukturen zu einer vielfältigen, multikulturellen Gesellschaft zeigt sich als Raumkonzept im Entwurf. Mit den „Zeitringen“ im Marx-Engels-Forum erzählen wir die Geschichte der Epochen, machen sie erkennbar, fühlbar.

Und letztlich geht es ebenso um die Entwicklung einer neuen urbanen Lebensqualität für die Bewohner*innen der Stadt. Neben der Geschichtserzählung und der Klimaanpassung gibt es auch ganz alltägliche Aspekte, welche in einem ausbalancierten Funktionskonzept berücksichtigt werden. Ziel ist es dabei, eine möglichst große Vielfalt an Nutzungen und Aneignungsformen des Raumes zu ermöglichen. Insofern werden flexible „Möglichkeitsräume“ geschaffen, die in den folgenden Jahren ausgefüllt oder auch verändert werden können. Dafür gestalten wir eine stabile Grundstruktur, die aus dem umgebenden Rahmen und den Hauptwegeverbindungen besteht.

Die Materialien für den Bau der Anlagen sollen möglichst vollständig aus recycelten, CO2-neutral produzierten Baustoffen hergestellt werden. Auch die Bauprozesse, z.B. Transportwege, werden unter diesem Aspekt optimiert.

Die Baumkolonnaden – ein urbaner Rahmen

Das Zentrum von Berlin wird in Zukunft ein Stadtraum für den Menschen sein. ÖPNV und Radverkehr werden weitgehend den PKW ersetzen, die Straßen werden fußgängerfreundlich. Als „urbaner Rahmen“ trennen sie die verschiedenen Stadträume voneinander, schaffen gleichzeitig aber auch sichere und komfortable Verbindungen. Um dies zu ermöglichen, wird der Fahrzeugverkehr aus der Karl-Liebknecht-Straße, der Spandauer Straße und der Rathausstraße herausgenommen und lediglich ÖPNV mit Elektroantrieb zugelassen. Fahrräder, E-Roller, Hooverboards und Fußgänger haben Vorrang und bekommen genügend Raum für konfliktfreie Mobilität. Die Haupt- und Schnellwege liegen in den Randbereichen unter schattigen Baumkolonnaden und an der Stelle der alten Spandauer Straße. Mit Smart-Square-Apps findet man schnell einen Fahrradstellplatz mit Ladestation, oder das nächste Sharing-Angebot.

Die Baumkolonnaden entlang der Rathausstraße und der Karl-Liebknecht-Straße sind Orte des Flanierens und des Konsumierens. Im Schatten der lichten Baumkronen findet man Cafés und ein breites Angebot an Einzelhandel. Auch die Terrassen auf dem Erdgeschoss der Wohnhochhäuser sollen öffentlich zugänglich und reaktiviert werden. Die Oberflächenbeläge spiegeln die Nutzungsverteilung der Boulevards wieder und reagieren auf die Entstehungszeiten der angrenzenden Architekturen.

Das Rathausforum – ein großer Stadtanger

Der zentrale Bereich des Fernsehturms wird als Denkmal erhalten und saniert. Die Vollversiegelung der angrenzenden Platz- und Wegeflächen wird jedoch sukzessive stark reduziert und dafür die Rasen- und Tennenflächen vergrößert. Als ein großer „Stadtanger“ steht dieser Raum allen offen, wird zu einem Raum demokratischer und vielfältiger Inbesitznahme. Die großzügigen Grünflächen bieten Raum zur individuellen Aneignung durch die Nutzer*innen. Langsam und schnell, laut und leise – alles ist möglich. Punktuelle Angebote laden zum Spielen und Verweilen im Schatten der hoch aufgeasteten Bäume ein. Die Wegeverbindungen orientieren sich in ihrer Dimensionierung an der Intensität der Nutzung. Die Querungen nehmen dabei symbolisch die Gassenstruktur der mittelalterlichen Stadt an dieser Stelle auf. Am Roten Rathaus und vor der Marienkirche entstehen Platzflächen, die die Wichtigkeit der Gebäude im Stadtraum betonen. An der Rathausstraße wird ein Fahrradparkhaus mit WC und begehbaren Rasendach eingeordnet. Diese schräge Ebene eignet sich als Sitztribüne für ein Sommerkino oder Konzerte.

Der Rathausvorplatz – Treffpunkt und Debattenraum

Integriert in die großzügigen Flächen des Stadtangers, öffnet sich vor dem Roten Rathaus ein separater Raum mit einem besonderen Konzept. Er ist sowohl Vorplatz als auch Ort für Veranstaltungen, ein Ort Berliner Debattenkultur. Als ein offener Platz mit einem Pflasterbelag um das Gebäude und großzügigen Tennenflächen versehen, ist er grundsätzlich sehr vielseitig nutzbar. Die Möblierung folgt jedoch speziell der Idee des „World-Café“; das beliebte und erfolgreiche Diskussionsformat wird damit in den öffentlichen Raum transformiert. Mit Stehtischen und Rundbänken werden unterschiedliche Angebote für Gespräche in kleineren und größeren Gruppen gemacht, auch für ein umfangreicheres „Plenum“ ist der Platz geeignet. Das Meinungsbild der Debatten lässt sich über Leuchtbänder an den Tischen visualisieren und ist in der dazugehörigen App einsehbar. Aber auch im Alltag bieten die Sitzmöbel vielfältige Nutzungsmöglichkeiten. Um die Tennenfläche vor zu großer Beanspruchung zu schützen, ist der Boden darunter mit einem durchlässigen Steinbelag befestigt.

Das Marx-Engels-Forum – ein Ort der Epochen

Seit dem Mittelalter bereits besiedelt, hat das Marx-Engels-Forum verschiedene Zeitepochen durchlebt. Heute vor allem geprägt durch das Marx-Engels-Denkmal mit seiner politischen Ausrichtung, wird der Ort in Zukunft viel lebendiger, diverser und grüner werden. Aber er bleibt ein politischer Ort, ein Ort der Ideale. Der Wandel hin zu einer vielfältigen und nachhaltig strukturierten Gesellschaft ist sehr stark durch den Umgang mit dem Klimawandel, mit den Strategien zur Klimaanpassung verbunden. Dafür steht unser Konzept, welches diese gesellschaftlichen Ziele in den gestalteten Raum überträgt. 

Das heutige Marx-Engels-Forum wird zu einem grünen, lebendigen Wasserspeicher. Das Regenwasser der angrenzenden Gebäude, der Platz- und Wegeflächen wird hier gesammelt und über die Pflanzen wieder an die Atmosphäre abgegeben. Durch die strukturierte Topografie entstehen Bereiche unterschiedlicher Einstauhöhen, die je nach Stärke der Regenereignisse gefüllt werden. So entwickeln sich Sumpfbereiche, Feuchtvegetation und leicht erhöhte Werder, die an die ursprüngliche Landschaft dieses Ortes als eine natürliche „Schwammlandschaft“ erinnern. Häufigkeit und Intensität der Überflutung formen ein vielfältiges Mosaik, auch längere Trockenperioden prägen die Standorte und tragen zur Biodiversität des Parkes bei. Hier tritt die Fläche in eine Korrespondenz zum Humboldtforum. Der Geist des Forschers als ein Entdecker der Vielfalt inspiriert auch unser Konzept. Er gibt die Anregung, bei der Wahl der Pflanzen nicht nur die ortstypische Vegetation zu nutzen, sondern auch einigen fremden, vielleicht exotischen Arten einen Platz zu geben. Diese Idee kann durchaus mit dem bereits geprägten Begriff des „Weltgartens“ bezeichnet werden. Die flexibel formbare Morphologie der Oberfläche ermöglicht es dabei, den vorhandenen Baumbestand nahezu komplett zu erhalten.

Mit der Transformation in einen grünen „Klimaraum“ steht das Marx-Engels-Denkmal nunmehr in einer neuen Zeit. Der große kreisförmige Platz wird aufgehoben, seine äußere Kontur bleibt jedoch in Form von drei „Zeitringen“ erhalten. Mit jeweils typischen Materialien werden die wesentlichen Zeitepochen symbolisiert, die dem Raum seine Prägung gaben bzw. in Zukunft geben werden: der „Ziegelring“ für die Zeit der frühen städtischen Besiedlung, der „Stahlring“ für das Zeitalter der Industrialisierung und  ein „Lichtring“ aus recyceltem Kunststoff für das postindustrielle, digitale, klimaneutrale Zeitalter.

Unter den drei Zeitringen liegt ein ebenfalls ringförmiger Wasserspeicher. Er ist als Zisterne mit zirkulärer Filteranlage konzipiert und nimmt das Regenwasser der umliegenden Stadträume auf. Die Zisterne kann über ein Sichtfenster erlebt werden, welches über eine seitlich angelagerte Treppe erreicht wird. Von hier aus erfolgt auch die Revision der Anlage. Ziel ist es, das gespeicherte Regenwasser den Pflanzen wieder verfügbar zu machen. Durch die vorgeschaltete Filterung kann das Wasser auch für andere Zwecke genutzt werden.

Das Heben des Wassers aus der Zisterne erfolgt mittels „Regenpumpen“, die von jedem Parknutzer selbst bedient werden können. Vorbild für das Funktionsprinzip sind die traditionellen Berliner Wasserpumpen, mit denen das Wasser teilweise heute noch aus dem Untergrund zutage gefördert wird. So kann die Aktivität der Nutzer einerseits dazu beitragen, dass die Vegetation des Parkes extreme Trockenheiten besser übersteht, andererseits entstehen auch attraktive Spielorte.

Als Material des befestigten Hauptweges ist ein Ortbeton vorgesehen, der aus Recyclingmaterial hergestellt wird. Untergeordnete Wege sind mit einem Tennenbelag versehen.

Auch hier sollen die Nutzer den Raum nach ihren Bedürfnissen weiterentwickeln. Zum Beispiel könnte ein Bürgergarten eine schöne Nachbarschaftsinitiative sein, oder ein Klimagarten in Kooperation mit nahegelegenen Schulen entstehen. Auch bieten sich Möglichkeiten, gemeinsam mit dem Humboldtforum und anderen interessierten Gruppen das Konzept des „Weltgartens“ mit Leben zu erfüllen.