2. Phase: 1383 (1. Phase 1329)

 

 

club L94 Landschaftsarchitekten GmbH, Köln

Verfasser:in: Frank Flor

Mitarbeiter:in: Priyambada Das, Simar Swani, Anna Kuptz, Joanna Podszus, Markus Knust, Stefanie Esser, Franziska Lesser

Sonderfachleute: Visualisierung: Willner Visualisierung, Potsdam, David Willner

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Audiobeschreibung

 

Erläuterungstext Teilnehmende

Einleitung

Das Rathausforum und das Marx Engels Forum im Zentrum von Berlin haben eine sehr wechselvolle Geschichte hinter sich. Von der Stadtgründung bis zum Mittelalter dicht bebaute Alt-Berliner Stadtstruktur rund um die St. Marien Kirche. Im 19. Jahrhundert entstand flankierend zum heutigen Forum das rote Rathaus. Im zweiten Weltkrieg wurde das gesamte Areal bis auf die Marienkirche weitestgehend zerstört und es verblieben nur Fragmente der Berliner Blockrandbebauung. In der DDR wurde die Stadt nicht mehr nach dem historischen Grundriss aufgebaut und die letzten Fragmente der ursprünglichen Bebauung beseitigt. 1989 wurde das Forum der Nationen mit dem Berliner Fernsehturm nordöstlich der Marienkirche gebaut. Der Fernsehturm bildet bis heute die städtebauliche Dominante des Areals. Das Rathausforum und das Marx Engels Forum wurden als bedeutende innerstädtische Freiräume für die Freizeit, den Tourismus und den Konsum entwickelt und sollten die moderne DDR repräsentieren. Nach der Wiedervereinigung wurde das Planwerk Innenstadt erstellt, das ursprünglich einen Wiederaufbau der mittelalterlichen Stadtstruktur auf dem Rathaus- und Marx-Engels-Forum vorsah. Diese Planung wurde in einer Überarbeitung des Planwerkes verworfen und das Areal als Freiraum für die Berliner Bevölkerung gesichert. Seit 2020 bildet das Humboldt-Forum auf der anderen Seite der Spree das Vis á vis des Fernsehturms und dokumentiert damit einen weiteren Baustein in der wechselvollen städtebaulichen Entwicklung des Areals.

KONZEPT

Palimpsest ist ein antikes oder mittelalterliches Schriftstück, von dem der ursprüngliche Text entfernt wurde, damit dieses neu beschrieben werden konnte. Im Gegensatz zu einem „unbeschriebenen Blatt“ bilden diese Schriftstücke heute spannende Dokumente, die die unterschiedlichen Zeitschichten im wahrsten Sinne des Wortes ablesbar machen. Das Freiraumkonzept überträgt dieses Thema auf das Rathaus- und Marx-Engels-Forum. Das Areal wurde im Laufe der letzten Jahrhunderte mehrfach überschrieben und die einzelnen Zeitschichten fast unsichtbar. Vor allem die räumliche Struktur des Gebietes hat sich von einer dichten Bebauung zu einem offenen Freiraum verwandelt. In diesem Sinne wird mit Hilfe von Baumsetzungen eine neue räumliche Struktur entwickelt, die sich zum einen an der ursprünglichen dichten Blockstruktur und deren Wegeverbindungen (vor allem in Nord West-Süd Ost Richtung) orientiert und diese somit wiederbelebt. Zum anderen wird die möglicherweise zufällig entstandene Ost-West-Achse aus altem bzw. neuem Schloss und dem Berliner Fernsehturm durch ein offenes grünes Forum gestärkt und inszeniert.

ENTWURF

Der Entwurf übersetzt die einzelnen Zeitschichten des Areals in ein neues, gemeinsames, grünes Forum für Berlin. Das Rathaus- und Marx-Engels-Forum wächst dadurch bis 2030 zu einem gemeinsamen Freiraum zwischen Alexanderplatz und Spree zusammen. Mit der grünen Halle und den Bürgergärten in den Parkzimmern zum einen und der Großen Freiheit zum anderen entsteht ein neuer gemeinsamer Freiraum aus Einheit und Vielfalt für Berlin. Bis 2040 werden die umliegenden Straßenräume weiter qualifiziert und im Sinne der Verkehrswende zu grünen Promenaden mit weniger Individualverkehr und gestärktem ÖPNV umgebaut.

Grüne Halle

Die Bestandsbäume werden im Sinne einer ´grünen Halle´ durch ein Klimabaumraster aus hoch aufgeasteten, zukunftsfähigen Bäumen ergänzt und aufgefüllt, wodurch ein klarer Rahmen aus Bäumen in Anlehnung an die ehemalige räumliche Blockrandstruktur entsteht. Die grüne Halle und die große Freiheit entwickeln unterschiedlichste Nutzungsmöglichkeiten und bieten verschiedene Atmosphären in der Berliner Sonne sowie im Schatten der Klimabäume.

Bürgergärten in Parkzimmern

Die Bürgergärten unter der grünen Halle stehen für die Vielfalt des Entwurfes. In vielen, unterschiedlichen Parkzimmern (in Anlehnung an die ehemaligen Gebäude der Blockrandstrukturen) können die Berliner ihre eigenen Bedürfnisse an den Freiraum des Forums befriedigen. Die grüne Halle sowie Hecken – und Pflanzenräume bilden den Rahmen für die einzelnen grünen Zimmer der Bürgergärten. Mit Hilfe von digitalen Umfragen, Workshops und weiteren Formen der Bürgerbeteiligungen werden die Nutzerwünsche der Bürger ermittelt und danach in gemeinsamen Entwürfen umgesetzt. So können Sportzimmer, Spielzimmer, Wasserzimmer, Rosenzimmer, Ruhezimmer, Gedenkzimmer, Naturzimmer und viele weitere Parkzimmer entstehen.

Die große Freiheit

Den neu entstehenden gemeinsamen Innenraum des Forums bildet die ´große Freiheit´ in Form einer offenen, multifunktionalen Wiesen- oder Rasenfläche. Sie bildet einen gemeinsamen Freiraum, die einen räumlichen Bezug zwischen der Geschichte herstellt, indem sie den Fernsehturm und das Humboldtforum in eine versöhnliche Beziehung stellt. Ein Baumhain aus Kirschbäumen stellt sich als blühendes Symbol für Frieden, Freiheit und Einheit in die Achse. Die Wiese des Marx-Engels-Forums verneigt sich vor der Spree, wodurch sich an den Rändern großzügige Sitzstufenanlagen anbieten und sich ein barrierefreier Zugang von der Spandauer Straße zur Spree entwickelt. An den beiden Seiten der großen Freiheit stehen mehrere Sofas aus Holz, die vielseitige Blickbeziehungen auf die Spree, das Schloß und den Fernsehturm und zulassen. Auf der Wiese bieten sich Picknick, Sport und Spiel in der Sonne an. Hier können auch von Zeit zu Zeit Veranstaltungen und Feste stattfinden.

Wasser

Die vorhandenen Brunnen bilden subtile Trittsteine auf der Achse Alexanderplatz-Spree. Ein bodenbündiges, modernes, repräsentatives Wasserspiel vor dem Haupteingang des Fernsehturms ergänzt die historischen Brunnenanlagen und sorgt für ein angenehmes Kleinklima.

Stadtplätze und Denkmäler

Die denkmalgeschützten Gebäude werden auf besondere Beläge gestellt und ihre Bedeutung im Stadttraum dadurch gestärkt. Die Sichtachse zum roten Rathaus wird freigehalten und durch eine Wegebeziehung auf den Neptunbrunnen an das Forum angebunden.  Die Denkmäler werden zum Teil aus ihrer Randlage in eine zentrale Position versetzt. Das Marx-Engels Denkmal wird frei auf der Wiese der großen Freiheit in der Sichtachse Schloß – Fernsehturm positioniert.

Der befestigten Flächen werden minimiert und die Grünflächen unter Beibehaltung ihrer grundsätzlichen Geometrie maximiert.

Fazit

Das gestalterische Raumkonzept gibt den Foren einen starken Rahmen mit einer weichen Mitte. Das Berliner Palimpsest am Rathaus- und Marx-Engels-Forum eröffnet den Berliner Bürgern mit dem Entwurf ein neues Raumgefühl zwischen dem was war und dem was kommt. Durch die Wertschätzung und das Aufgreifen bestehender, historischer Strukturen sowie die partizipative Überschreibung der Räume mit neuen Nutzungen werden die Foren von den Bürgern neu beschrieben.