2. Phase: 1384 – 3. Preis



POLA Landschaftsarchitekten GmbH, Berlin

Verfasser:in: Joerg Michel
Mitarbeiter:in: Sara Perovic, Anna Szczepaniak, Yuliana Abisheva

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Audiobeschreibung

 

Beurteilung durch das Preisgericht

Die Verfasser:innen formulieren den Anspruch eines metaphorischen Ansatzes, der alles verbindet und löst diesen mit seiner Arbeit durchaus ein.

Formal geschickt wird der im Bestand vorgefundene Kreis zum Leitmotiv für den gesamten Planungsraum weiterentwickelt. Das Kreismotiv tritt dabei selbstbewusst als eigenständige und ortsbezogene Ergänzung der historischen Dreiecksgeometrie auf. Dabei gelingt es dem Entwurf, historische Wegebeziehungen als auch neue Verbindungen sinnfällig zu integrieren.

Die Multiplikation und Überlagerung von Kreisformen verbindet die Teilflächen miteinander – es entsteht ein neuer Zusammenhalt, der ganz ohne eine zusätzliche Formensprache auskommt. Im Bereich der Spandauer Straße entstehen so teils formalistische Flächenzuschnitte, andererseits wird der Sprung über die Straße sinnfällig gelöst und eine Vision der künftig möglichen Verbindung formuliert.

Der Entwurf geht respektvoll mit der achsialen Raumstruktur des Bestandes um. Die nicht veränderten Rosenbeete werden durch einen Belagsteppich mit dem Neptunbrunnen verknüpft. Jedoch ist die Grüninsel südlich des Brunnens an diesem Ort nicht angemessen und auch gänzlich unnötig.

Im Bereich des Marx-Engels-Forums entsteht eine offene Raummitte und sinnfällige, interessant zu durchschreitende Wegeverbindungen zu den umliegenden Straßenräumen. Der Baumbestand wird schlüssig in die Kreisstrukturen integriert, durch neue Vegetation ergänzt und verdichtet. Grün geprägte Aufenthaltsbereiche und ein Spielplatz direkt am Nikolaiviertel stellen willkommene Nutzungsangebote zur Verfügung, ohne dabei die Fläche zu überfrachten. Es entsteht ein gut nutzbarer, vegetationsbestimmter Stadtraum.

Großzügige Treppenanlagen verbinden die benachbarten Stadträume mit der Spree. Im Anschluss an die Brücken setzt sich der Verfasser jedoch über die örtlichen Gegebenheiten hinweg und die vorgeschlagene Neigung der Fläche in Richtung Spree hätte erhebliche Eingriffe in Bodendenkmale zur Folge. Die Höhengestaltung in diesem Bereich erfordert eine differenziertere Betrachtung und Berücksichtigung des Bestandes.

Die Gestaltung des Spreeufers lässt an Großzügigkeit und Aufenthaltsqualität zu wünschen übrig, zudem bleibt die barrierefreie Zugänglichkeit des Ufers ungeklärt.

Die Grünbereiche des Rathausforums werden durch die Kreisgeometrie elegant gefasst und durch schlüssig eingeordnete Funktionsräume für Spiel und Sport bereichert. Es verbleiben gut geschnittene Platzflächen für städtisches Leben.

Die Ausformulierung konkreter Gestaltungselemente bleibt hinter der städtebaulichen Vision deutlich zurück. Das wichtige Element der Forumspergola beispielsweise wird dem gestellten Anspruch nicht gerecht und ist nur rudimentär angedeutet.

Bei näherer Betrachtung erscheint auch das Belagskonzept nicht schlüssig: Entgegen der Plandarstellung korrespondieren die Flächen an Marienkirche und Rathaus nicht miteinander. In Plänen und textlicher Beschreibung werden widersprüchliche Angaben gemacht, so dass die Intention des Verfassers unklar bleibt.

Der Anteil versiegelter Flächen liegt etwas höher als im Bestand. Im Hinblick auf die Herausforderungen der Zukunft sollten Entsiegelung und Baumerhalt stärker berücksichtigt werden, was im Rahmen des Konzeptes gut möglich erscheint.

Teilaspekte der Aufgabenstellung bleiben ungelöst: Das Regenwassermanagement erscheint unvollständig, insbesondere im Bereich des Rathausforums fehlen tragfähige Aussagen.

Ein Konzept zur Beteiligung der Stadtgesellschaft im weiteren Planungsprozess fehlt.

Die vorgeschlagene Beleuchtung der Forumspergola ist unter ökologischen Gesichtspunkten kritisch zu sehen, zudem wird das Gesamtkonzept LichtKunstLicht nicht ausreichend berücksichtigt.

Der provokante Umgang mit Marx und Engels – das Denkmal wird in die neue Ufertreppe integriert und blickt in Richtung Humboldtforum – wird kontrovers gesehen: Einerseits formuliert der Verfasser eine inhaltlich nachvollziehbare Neuinterpretation, es fehlt aus Sicht der Denkmalpflege jedoch der angemessene Respekt vor dem Ensemble.

Insgesamt bietet die Arbeit eine schlüssige und eigenständige Grundlage für die Weiterentwicklung der Berliner Mitte und eine atmosphärisch willkommene Ergänzung zum steinernen Humboldt Forum. Eine schrittweise Realisierung und Weiterentwicklung erscheint gut umsetzbar.

Erläuterungstext Teilnehmende

Metaphorischer Ansatz – Alles ist Verbunden!

Ein reines spazieren und promenieren zwischen den Ebenen – seien es die verschiedensten baulichen und baukünstlerischen Zeugen der Berliner Geschichte oder die Jahreszeitlichen Veränderungen der neuen Vegetationsstrukturen; der Entwurfsansatz bricht mit der strengen axialen, fast barock anmutenden Gestaltung.

Rotes Rathaus, Marienkirche, Neptunbrunnen und das Denkmalensemble von Marx und Engels, wie auch das Fernsehturmensemble mit Rosenbeeten und Wasserbecken  bleiben baulich völlig unverändert. Sie  werden jedoch als stadtgeschichtliche und bauliche Artefakte gleich einzelner Pailletten eines Kleides in den neuen Marx-Engels-Park eingewebt und somit zueinander neu in Beziehung gesetzt.

Die zeitgeschichtlichen Artefakte werden aus ihrer Vereinzelung geholt. Sowie Geschichte immer in einem Kontext zu lesen und zu begreifen ist, so verhält es sich auch mit ihren baukünstlerischen Zeugen als Ausdruck des historischen und gesellschaftlichen Verständnisses.  Alles baut aufeinander auf, ist miteinander verbunden und bezieht sich aufeinander. Es geht um die Beziehung der unterschiedlichen Stile, sozialer, religiöser und philosophischer  Geisteshaltungen, als auch gesellschaftlicher Zeitepochen von modernistischen Wasserkas-kaden, romanischer Kirche, über den ehemaligen Schlossbrunnen (Neptunbrunnen) bis zum Marx-Engels-Forum. Alle dürfen wertungsfrei nebeneinander bestehen, miteinander und mit den Besuchern sprechen.

Es geht um die Verbindung aller Menschen und ihrer Geschichte zum atmosphärischen Gefühl der Zusammengehörigkeit und einem harmonischen Miteinander von Vergangenheit und Zukunft, von Modernismus und Historismus, Kunst am Bau und Baudenkmal, biodiversem Park und urbanem Stadtplatz.

Entwurf – Ein Forum wird zum Park

Grundsätzliches Ziel des Entwurfes ist es, bauliche und geistige Grenzen, durch ihrer Verwendung  zu überwinden. Formal gestalterisch werden für den Ort prägende Gestaltungselemente benutzt und spielerisch transformiert. So findet sich das Element des Kreise im Gesamtensembles an vielen Stellen im Bestand. Das Neue spielt mit dem Alten, dem Vorhandenem und schreibt  die Geschichte von Vergangenheit und Gegenwart weiter. Unser Gestaltungsansatz, unter Verwendung des Kreises, ist auch ein Augenzwinkern in Bezug auf die sehr  formalistische und ensemblegeschützte Gestaltung des Fernsehturmumfeldes. Eine Hochzeit von geometrischen Formen (Dreieck, Kreis und Quadrat).

Das Marx-Engels-Forum wird zum Marx-Engels-Park!

Unser Ansatz bewahrt die baukünstlerischen Elemente des Marx-Engels-Forum in ihrem räumlichen und  zeitgeschichtlichen Standort  als Wächter von Identität, stellt diese jedoch mit der Neugestaltung in einen neuen räumlichen Bezug. Anstelle einer zentralen Mitte des Forums, bei dem man um das solitäre Denkmalensemble von Marx und Engels herumläuft, erlebt man dieses zukünftig fast beiläufig. Die ursprünglichen Positionen der baukünstlerischen Stelen und Plastiken werden überlagert durch die Neugestaltung von Wegen und Grünflächen. Dabei werden alle vorhandenen Vegetationsstrukturen, vornehmlich  Bäume, erhalten.

Lediglich die Forumspergola zeichnet den ursprünglichen  Rundweg des Forums nach und erlaubt dem Besucher das Erleben des Denkmalensembles in seiner ursprünglich gestalterischen Komposition. Die multifunktionale Pergola, unter anderem mit langen, zum Teil sonnen- und wettergeschützten Sitzbänken, Schaukeln, Fitness- und Kletterelementen, begrenzt in ihrem Innern die großzügige und multifunktional nutzbare Forumswiese.

Im Kontrast zu dem  großzügigen Innenbereichen des Parks ist der Bereich zwischen Forumspergola und den begrenzenden Straßen geprägt durch kleinteiligere Gärten und einer differenzierten Wegestruktur (Material: wassergebundene Wegedecke), welche die bestehenden Vegetationsstrukturen erhalten und ergänzen. Unter den dichten, schattenspendende Bäumen gruppieren sich zahlreiche Gartennischen mit Sitzmöglichkeiten. Die Wechsel vom Lichten ins Schattige, von der Bewegung in die Ruhe bieten unterschiedlichsten Nutzern und Besuchern verschiedenste Qualitäten und Nutzungen. Größtmögliche Aktivität, Lebendigkeit und Flexibilität im Inneren des Park wird ergänzt durch Passivität, Ruhe, Erholung und ökologischem Puffer der zahlreiche Rückzugsräume für Flora und Fauna anbietet.

Die Umwandlung des Marx-Engels-Forums in einen Marx-Engels-Park mit seiner neuen Wegeführung erlaubt eine optimale und großzügige Verbindung und Vernetzung des Parkinneren mit seiner Umgebung. Dabei werden alle Parkteile barrierefrei erschlossen. Alle Wege (Material: hellgraues Granitsteinpflaster mit gesägter Oberfläche) sind barrierefrei und stehen in ihrer Materialität im Kontext zu Schlossplatz und Lustgarten. Die Oberflächenentwässerung erfolgt  in die angrenzenden Vegetations- und Rasenflächen. Die Forumswiese wird bei Starkregenereignissen zum Retentionsbecken.

Marx-Engels-Denkmal

Anders als die um sie gruppierten Plastiken und Objekte wird das Denkmal von Karl Marx und Friedrich Engels aus der zentralen und isolierenden Mitte des Forums herausgelöst und versetzt. Unser neuer Standort sind die Forumsterrassen an der Spree. Hier wird die Plastik in die Rasenstufen integriert, die beiden Philosophen und Sozialreformer vom Staub des Pathos befreit und wieder in den direkten, lebendigen Kontakt mit Verbindung zu den Menschen, vis a vis  dem Humboldt Forum als neues geistig-kulturelles Zentrum, gebracht. Lediglich ein metallener Footprint des Denkmals bleibt an der “alten” Stelle als Referenz und Bezugspunkt.

Forumspergola

Optisch auffälliges und raumbestimmendes Feature im neuen Marx-Engels-Park ist die Forumspergola, welche in ihrer räumlichen Ausdehnung den äußeren Rundweg der alten Forumsgestaltung nachzeichnet und somit eine Idee der ursprünglichen räumlichen Komposition des Marx-Engels-Forums den Besuchern vermittelt. Doch die Pergola ist mehr als nur ein Rundweg, sie ist ein historisches Zitat  und der zentrale Aufenthalts- und Aktivitätsort mit langen, zum Teil wettergeschützten, Sitzbänken. Eine kleine  Aussichtsplattform, Schaukeln, Sonnenliegen, Hollywoodschaukeln und weitere Elemente bereichern die Pergola.

Ein leichte Stahlkonstruktion lässt diese hauchzart vor dem grünen Saum der angrenzenden Forumsgärten wirken und die Bereiche Innenpark, mit der zentralen Wiesenfläche und Außenpark, mit den Rhododendron- und Schattengärten trennen.

Ein Ring aus LED-Leuchten im oberen Bereich lässt nachts die Forumspergola leuchten. Ergänzend dazu sind hier Strahler angebracht, welche die Wege im inneren Parkbereich sowie die Skulpturen und Stelen beleuchten. Dies ermöglicht den Verzicht auf zusätzliche Leuchtstehlen, welche in Konkurrenz zu den Plastiken und Skulpturen stehen würden.

Rathausplatz und Neptunbrunnen.

Die Grundzüge der Gestaltung des Marx-Engels-Parks ziehen sich zukünftig über die Spandauer Straße und den Rathausplatz bis zum Fernsehturm. Den nördlichen Abschluss bilden die hier im urbanen Kontext verorteten  Spiel- und Sportanlagen. Die Themen Shoppen und Spielen,  Fitness und Feiern sollen den urbanen Stadtraum beleben.

Ein zentraler Ankerpunkt bildet der Neptunbrunnen, welche in seiner Art und angrenzenden Gestaltung zu belassen und als Zeitzeuge/Artefakt in die Neugestaltung integriert wird. Auch dieser wird – gleich dem Mark-Engels-Forum – mittels der neuen umgebenden Gestaltung optisch aus der zentralen Achse zwischen Fernsehturm und Humboldtforum gerückt. Das Brunnenensemble gliedert sich somit wie selbstverständlich in die Gesamtgestaltung ein. Ähnlich verhält es sich mit dem Platz vor dem Roten Rathaus, welcher als Stadtplatz durch den Wechsel in der Bodenmaterialität (Natursteinplatten, dunkelgrau / 30x60x12 cm) von der restlichen Oberflächengestaltung aus Natursteinplatten, hellgrau (30x60x12 cm) abhebt. Die Maße der Natursteinplatten orientieren sich in Farbe und Größe an den im nördlichen Bereich vorhandenen Betonsteinplatten, verleihen dem neu zu gestaltendem Bereich jedoch eine wertigere Eloquenz.

Vegetation

Für die Neubepflanzung werden standortgerechte und stadtklimaverträgliche Pflanzen- und Baumarten verwendet. Das bedeutet u.a. die Verwendung von zukunftsweisenden Klimabäumen, wie Sophora japonica (Japanischer Schnurbaum), Ostyria spec. (Hopfenbuche) oder Quercus rubra (Amerikanische Eiche) zur nachhaltigen Verbesserung des Stadtklimas. Das Oberflächenwasser wird vorrangig in die Vegetationsflächen geführt, so das hier eine zusätzliche natürliche Bewässerung gegeben ist. Die meisten Baumpflanzungen erfolgen in den Grünbereichen, um maximalen Wurzelraum zu generieren und die Stressbelastung in den Sommer-monaten für die Bäume zu reduzieren. Nur einzelne Solitärbäume werden mittels Baumgruben und Baumscheiben direkt auf befestigten Flächen / Platzflächen gepflanzt.

Beleuchtung

Der Innenbereichen des Marx-Engels-Parks wird über Strahler, welche an der Forumspergola dezent montiert sind beleuchtet. Im äußeren, schattigen Parkbereich werden die Wege mittels bodennaher Pollerleuchten ausgeleuchtet, um hier eine dezente und ruhige Atmosphäre zu schaffen. Alle städtischen und urbanen Räume, ähnlich der Promenade am Ufer erhalten Stehlen mit Strahlern (Typ: Olivio, Fa.Selux)  in unterschiedlicher Anzahl wie sie bereits im Bereich nördlich des Fernsehturms zu finden sind.