2. Phase: 1386 (1. Phase 1325)

HOLZWARTH Landschaftsarchitektur, Berlin

Verfasser:in: Gerd Holzwarth

Mitarbeiter:in: Sophia Krause, Justus Gärtner, Anne Mann, Nell Osojca

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Audiobeschreibung

 

Erläuterungstext Teilnehmende

MARX-ENGELS-FORUM – INTEGRATIVER ORT DER BÜRGERSCHAFT

Der Berliner Stadtplan trägt in sich die Großstrukturen der wechselnden Herrschaftssysteme, die das Leben der Bürger*innen über Jahrhunderte prägten. Dazu gehören die Museums- oder Schlossinsel, das Marx-Engels-Forum und das Band des Bundes in der jüngeren Geschichte. Das Marx-Engels-Forum bildet mit seiner starken, mittigen Achse zwischen Fernsehturm und Palast der Republik und heutigem Schloss, sowie der monumentalen Bebauung nach Norden an der Karl-Liebknecht-Straße eine hermetische Struktur, welche sinnbildlich für das totalitäre Verständnis der DDR steht. Es trennt die ursprünglich bis ans Rathaus heranführenden Quartiere und lässt die Bürger*innen außen vor.

Das neue Marx-Engels-Forum ist ein Ort der Bürger*innen und ein offener Ort der Demokratie.

Aus der totalitären axialen Struktur des Forums als introvertierten Raum der Macht wird ein integrativer Raum der Bürgerschaft in einer offenen und verbindenden Struktur.

Historischer Ort der Berliner Bürgerschaft

Formale Grundlage dazu bildet die überformte Parzellierung des historischen Stadtgrundrisses, der sich in Teilen, wie der Marienkirche, der Kontur des Neuen Marktes und den archäologischen Ausgrabungen noch immer am Ort finden lässt. Die Struktur verbindet die nördlich und südlich angrenzenden Quartiere, integriert die verschiedenen Nutzungen, öffnet sich zu Plätzen oder verdichtet sich thematisch zu Clustern. Die lebendige, kleinteilige Parzellierung betont die Nord-Süd-Querung des Forums und nimmt das Rathaus, den Ort des bürgerlichen Berlins, ins Zentrum. Die Belegung der Flächen folgt den am Ort verbleibenden Denkmalen, den funktionalen Zusammenhängen und dem zum Teil erhaltenswerten Baumbestand. Im Forumsquartier westlich der Spandauer Straße, dem Stadthain, dominiert der Grünanteil und schafft stadtökologisch wertvolle Flächen und ruhigere Rückzugsorte. Östlich der Straße verzahnen sich der Rathaus-Platz, das Spiel-Sport-Forum und das Kirchen-Umfeld. Die Zusammenfassung der Parzellen schafft einen offenen, nicht-hierarchischen Rathausplatz, in den sinnfällig die archäologischen Fenster eingeschrieben sind. Angrenzende Kleinbühnen bespielen die Grünflächen. Die Nutzungen folgen keiner hermetischen Struktur, sondern bilden räumliche Verläufe und Übergänge.

Prozessuale Aneignung

Die Baumaßnahmen, durch die sich der Ort sukzessive verändert, werden aktuell bereits durch das dem Wettbewerb vorgeschaltete Beteiligungsverfahren integrativ gestaltet. Die lesbare Parzellierung bietet hier ein solides Gerüst, weitere Flächen herauszustellen, die im Rahmen von Workshops mit Bürgervertretern gestaltet werden können. Begleitende Informationsangebote und Baustellenbegehungen, sowie Kunst-, Musik-, und Sportevents auf nicht durch Baumaßnahmen belegten Flächen bieten die Möglichkeit, den bislang kaum genutzten öffentlichen Raum neu im Bewusstsein der Berliner*innen zu verankern.

Die prozessuale Vorgehensweise ermöglicht eine inklusive Planung über Partizipation und Interaktion. Dies unterscheidet das neue Marx-Engels- und das Rathausforum signifikant.

Inklusive Planung ist nicht eine fixe Einschreibung in den Ort, sondern Ergebnis tatsächlicher Beteiligung. Dass sich diese neuen Strukturen in den historischen Grundriss schreiben, lenkt den Blick auf die Lebendigkeit und Innovativkraft der Stadt Berlin.

Wegenetz Stadtmitte

Die in den historischen Stadtgrundriss eingeschriebenen Straßen- und Wegebeziehungen knüpfen auf selbstverständliche Weise an die im Norden und Westen angrenzenden Straßenräume und Blöcke an.

Funktional-räumlich werde die fußläufigen Anbindungen zwischen Alexanderplatz-Spreeufer- Lustgarten und Unter den Linden gestärkt.

Durch teilweise Entnahme und Neupflanzung von Bäumen werden entsprechend die Sichtachsen zwischen Rathaus, Schloss, Berliner Dom und Marienkirche herausgearbeitet. Die Orientierung im Raum wird damit durch Wegeführung und Blickbeziehungen gestärkt.

Themencluster

Die von den historischen Flurstücken vorgegebene Struktur wird mit verschiedenen Gestaltungsthemen variabel bespielt. Dabei können kleinere oder größere Parzellen einzeln bespielt oder in Themenclustern zusammengefasst werden. In jedem Themencluster stehen einzelne Felder für Aneignungsprozesse zur Verfügung oder können in Bürgerworkshops integrativ und interaktiv mit Nutzungen oder Gestaltung belegt werden.

Spreeforum

Das Spreeforum erhält und integriert den Baumbestand und ergänzt und verdichtet die Pflanzungen zu den Rändern hin. Innerhalb der vier großen Cluster laden kleine, gelichtete Orte zum Verweilen ein. Die Baumbestandenen Patches sind mit Schattenstauden und -rasen unterpflanzt und sind als Flächen für die Versickerung und Verdunstung von Niederschlägen mikroklimatisch wirksam. Die großzügig zusammengefassten Teilbereiche denken den Planungsansatz des Animal Aided Design mit und schaffen Rückzugsorte für zahlreiche im Stadtraum lebende Spezies.

Zentrum des Spreeforums zwischen Spandauer Straße und Spreeufer sind großzügige, durch Bankelemente terrassierte Wiesenflächen und das im Zentrum stehende und weithin prägende Marx-Engels-Denkmal. Die offene freie Mitte weicht durch die diffundierenden Ränder von der vormals starren Achse des Forums ab und ermöglicht dennoch eine direkte Blickbeziehung zwischen Fernsehturm und Schlossfassade.

Die Sitzeinfassungen entlang des Ufers bieten eine hohe Aufenthaltsqualität am Wasser und integrieren nach Osten den Pavillon mit Ticketverkauf, Kiosk und Café.

Kultur- und Kunstviertel

Südlich der Marienkirche schließt sich mit der Lutherwiese, dem Luther-Denkmal und den Ausgrabungen am Mendelsohn-Haus ein Cluster an, welches einerseits der Geschichte des Ortes gewidmet ist und andererseits ausreichend Raum für temporäre Ausstellungen, Kulturevents und gemeinschaftliche Projekte bietet.

Sport und Spiel am Turm

Das südöstlich an der Rathausstraße gelegene Viertel ist den Themen Sport und Spiel gewidmet und bietet auch abseits von gängigen Spiel- und Sportarten Flächen für informellen Sport und Spiel an. Die Lage erzeugt dabei Synergien mit den Erdgeschossnutzungen der Sockelgebäude des Fernsehturms und den Ladengeschossen der an die Rathausstraße grenzenden Gebäude.

Marienkirche

Die bereits hergestellten Flächen um die Marienkirche werden offen und selbstverständlich an die neuen Wegeflächen und das Rathausforum angebunden.

Das Rathausforum

Das Rathausforum nimmt nördlich der Spandauer Straße den größten Platz aller Teilbereiche ein und nimmt in Proportion und repräsentativer Gestaltung Bezug auf die Bedeutung des Rathauses. Die offene Platzgestaltung mit großformatigen Waschbetonplatten mit gebrochenen Naturstein-Schotterzuschlag bilden einen repräsentativen Untergrund für die darauf zu den Rändern hin angelegten Einbauten. Der Belag zieht sich über die Rathausstraße bis ans Rathaus heran und nimmt an dieser Stelle das archäologische Fenster mit den Ausgrabungen auf. Das Archäologische Fenster wird als begehbare Glasfläche über einer Stahlunterkonstruktion belagsbündig hergestellt. Nach Westen wird der Platz durch eine großmaßstäbliche Tribüne aus Eichenbohlen repräsentativ gefasst. Die Tribüne kann sowohl als Zuschauerraum für Veranstaltungen auf dem Platz dienen, oder als Speakers Corner selbst zum Veranstaltungsort werden. Als Aufenthalts-, Veranstaltungs- und Versammlungsfläche qualifiziert sie das Rathausforum als Ort der Begegnung und Auseinandersetzung. Das Rathausforum definiert bewusst keinen hermetisch bestimmten Raum sondern bindet durch den nach allen Seiten fließenden Belag den zentralen Ort der Bürgerschaft an den übrigen Stadtraum an.

Materialität

Die Materialitäten entsprechen den örtlichen Gegebenheiten mit ihren Oberflächen und Farben und zeichnen sich durch eine hohe Robustheit und Nachhaltigkeit aus.

Rot- und Brauntöne verweisen an die historische Bürgerstadt, an Rathaus und Marienkirche und geben dem Forum ein selbstbewusstes Auftreten im Stadtraum.

Die historische Parzellierung wird durch ein dreireihiges Ziegelband markiert. Sie kontrastiert

mit großformatigen Platten aus Waschbeton, der einen Natursteinzuschlag aus gebrochenem Material erhält.

Die untergeordneten Wege in den Randbereichen, sowie die Kultur- und teilweise die Sportfelder sind in einer gröber gekörnten, rötlichen wassergebundenen Wegedecke hergestellt. Fallschutzflächen werden farblich passend mit EPDM in variierenden Rottönen belegt.

Licht

Entlang der Rathausstraße erfolgt die Beleuchtung mit den historischen Kandellaberleuchten. Dagegen nehmen sich die Wegebeleuchtungen in den übrigen Teilbereichen durch einfache Lichtstelen zurück.

Ausnahme bildet das Rathausforum, das mit großen Lichttowern mit variabel verstellbaren Spots sowohl die Ausleuchtung von Veranstaltungen oder Inszenierung der Tribünen, als auch die flächigen Wege und Platzbeleuchtung übernehmen. Alle eingesetzten Leuchten sind streulichtreduziert und insektenfreundlich.

Möblierung

Entlang der historischen Flurstückslinien qualifizieren sich Randeinfassungen als Betonsitzkanten und rahmen so die angrenzenden Bereiche. Zur Spree hin bilden sie großzügige Terrassen. Am Rathausforum bilden Plattformen und Tribünen aus Eichenbohlen ruhige Orte, die auch als Zuschauerbereiche für Events auf dem Platz zur Verfügung stehen.

Eine freie Möblierung für Veranstaltungen bildet farbige Akzente auf dem Platz und erhöht die Funktionalität des Raumes.

Einbauten wie Fahrradständer, Abfallkörbe und Wegeleitsystem bilden eine gestalterische Familie aus feuerverzinktem, pulverbeschichtetem Stahl.

Regenwassermanagement

Sämtliche Niederschläge aus dem nördlichen Platzraum sollen (ggf. nach einer Filterung) entweder in den dortigen Grünflächen oder in den baumbestandenen Grünflächen des Spreeparks versickert und verdunstet werden. Dafür wird die zur Spree hin abfallende Lage der Flächen ausgenutzt. Neupflanzungen werden in ihrer Art auf diese Nutzung ausgelegt.

Verkehr 2040

Die Höchste Priorität liegt auf der Stärkung des Fußverkehrs und der Erweiterung des Raums für den Radverkehrs durch neue bezirksübergreifende Radwegeverbindungen (Karl-Liebknecht-Straße; Rathausstraße).

Der geplante Ausbau des ÖPNV durch die neue Tramlinie (Spandauer Straße, Rathausstraße) trägt zur Reduzierung der Verkehrsflächen für den MIV bei.

Die Spandauer Straße wird als Teil der Platzfläche des Rathausforums entwickelt; im Vordergrund steht die fußläufige Querung zur Vernetzung des Forums mit dem Parkbereich an der Spree.

Die Karl-Liebknecht-Straße wird bis zum Jahr 2040 als Fortsetzung der Promenade „Unter den Linden“ entwickelt. Dafür wird die Lindenallee als blaugrüner Boulevard mit begleitenden Retentionsbeeten zur Verbesserung des Stadtklimas fortgeführt. Der MIV wird von 3 Spuren in jede Richtung auf 1 Spur reduziert. Die dadurch freiwerdenden Flächen ermöglichen die Anlage eines Radschnellwegs (Ost-West-Achse).

Durch die Verringerung der Fahrspuren können weitere Querungsmöglichkeiten angeboten werden, die zur Stärkung der historischen Wegebeziehungen (Markthallenplatz, Rosenstraße, Heiliggeistgasse) beitragen.

Der Bereich der Rathauspassagen wird von einer einheitlichen Verkehrsraumgestaltung als Shared Space begleitet. Der Straßenraum vor dem Haupteingang des Rathauses wird zur Platzfläche des Rathausforums umgebaut. Die Befahrung wird ausschließlich bei Vorfahrten zu Empfängen, oder zur Andienung bei Veranstaltungen ermöglicht.

Im Bereich Nikolaiviertel werden die Reisebushaltestellen neu geordnet, so dass der Radweg fortgesetzt werden kann.