2. Phase: 1388 (1. Phase 1356)

 

 

Voigt Landschaft GmbH, Berlin

Verfasser:in: Günther Vogt

Mitarbeiter:in: Maren Brakebusch, Bess Laaring, Nicola Eiffler, Florian Mänz, Dries Pattyn

Bernd Albers, Silvia Malcovati, Architekten, Berlin

Mitarbeiter:in: Valentin Hoff

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Audiobeschreibung

 

Erläuterungstext Teilnehmende

Übergeordneter Kontext:

Die ehemals dicht bebaute, historisch wie auch funktional sehr differenziert geprägte Mitte Berlins, zeigt sich heute zwischen Alexanderplatz und wiederaufgebauten Stadtschloss als symbolisch überfrachteter und wenig nutzungsbestimmter Stadtraum. Das Ausräumen alter Stadtstrukturen zugunsten der Überhöhung einzelner Monumente steht im sichtbaren Widerspruch zu den verbleibenden Zeitzeugen einer 700-jährigen Stadtgeschichte. In diesem Spannungsfeld wie auch im Bewusstsein zukünftiger Herausforderungen und Aufgaben unserer Stadträume, die geprägt sich durch deren Erhitzung als Folge des Klimawandels wie auch dem Verlust der Biodiversität in Folge der Versiegelung und Verdichtung, stellt sich der vorliegende Wettbewerbsentwurf.

Dieser interpretiert den historischen Stadtgrundriss neu mit präzisen Baumsetzungen und einer Verdichtung der bestehenden Stadtvegetation. Einheimische Baumarten werden durch klimaverträgliche und hitzebeständige Baumarten ergänzt. Verdichtung des Stadtgefüges mit Vegetation erfolgt insbesondere an den Rändern und respektiert die Zäsur und Neuausrichtung des Raumes nach dem 2. Weltkrieg. So verweben sich der historisch enge Straßenraum in der Querausrichtung mit der offenen monumentalen Längsausrichtung zu einem gewachsenen Gefüge mit ablesbaren Spuren. Dabei entsteht eine Sequenz aus angemessenen und zuordnungsbaren Stadträumen und Freiraumtypologien. Platz, Park und Promenade orientieren sich in Funktion und Materialität am Maßstab der gesamten Stadt, wogegen die einzelnen Quartiersparks die Freiraumversorgung der angrenzenden Wohnungsquartiere mit klar ablesbaren Funktionen und Nutzungen übernehmen. Die historische wichtige und bedeutende Platzfigur am Neuen Markt orientiert sich wo möglich in Dimension und Ausrichtung am ehemaligen Vorbild und übernimmt neu interpretiert mit dem Typus des Schmuckplatzes eine Vermittlerrolle die beide Bezugsebenen.
Im Sinne einer nachhaltigen und ressourcenschonenden Stadtentwicklung werden die gerade erst errichten Belagsflächen um den Fernsehturm im Bereich des gesamten Rathausforum fortgeführt und so die verschiedenen Räume zu einem Kontinuum zusammengeführt. Wo immer möglich, werden offene und wasserdurchlässige, resp. teildurchlässige Beläge und offene und bepflanzte Baumscheiben verwendet, um im Sinne einer Schwammstadt das Regenwasser im System zur Verfügung zu stellen. Über Sichtbeziehungen in den angrenzenden Stadtraum, mit seinen zum Teil ikonischen Bauten, wird dieser auf einem neuen geistigen Niveau miteinander in Bezug gesetzt. Durch die Neukomposition gelingt eine adäquate Verortung der unterschiedlichen Zeitzeugen wie auch funktionale und klar ablesbare Bezüge.

Neptun-Brunnen, am Schlossplatz 1891 errichtete und 1969 im Zusammenhang mit dem Fernsehturm versetzt, verbleibt im Kreuzpunkt der Achse mit dem Roten Rathaus. Eine begehbare Rasenfläche mit einer umlaufenden beidseitigen Rundbank dient als Liegewiese und Aufenthaltsbereich mit dem Brunnen im Zentrum. Bei Starkregenereignissen wird dieser Bereich mit dem überschüssigen Wasser der Zisternen geflutet. So entsteht im Zusammenspiel mit dem historisch gefassten Wasser ein Sinnbild für die Veränderung und Aufgaben unserer heutigen Stadträume im Zuge des Klimawandels.

Das Luther – Denkmal in seiner wettbewerbsprämierten Ausgestaltung, mit tieferliegendem Bereich und seitlichen Sitzmöglichkeiten, fungiert als Auftakt des neu gestalteten Schmuckplatz am Neuen Markt. Eine extensive Blumenwiesen interpretiert im Sinne der Biodiversität die Vielfalt, der für diesen Typus historisch wichtige Aussagekraft neu. Die vorhandene Bestandsbäume werden in die mit Kleinsteinpflaster gefasste Fläche integriert und führen zu einer Erhöhung der kleinräumigen Lebensbereiche. Der älteste Stadtplatz Berlins bewahrt im Kontext mit der Marienkirche seine zentrale Rolle, wie auch geistige und räumliche Fassung im städtischen Gefüge. 

Der sanierte Platz um die Marienkirche wird durch punktuelle und lineare Ergänzung der bestehenden umliegenden Bäume räumlich im Sinne des alten Stadtgrundriss gefasst und so als Rückzugsort im Stadtgefüge wieder erlebbar.

Die eigentliche stadtweite Bedeutung und Ausstrahlung des Fernsehturms und seine damit einhergehende ikonographische Bedeutung für das Neue Berlin, wird wesentlich durch seine Höhe und die Kugel-Spitze verkörpert. Vor Ort geben ihm die spitzwinkeligen Treppen- und Dachlandschaften Halt. Die markante Ausgestaltung der Wasserspiel- und Treppenfigur bricht mit dem System der historischen in den angrenzenden Stadträumen weitergeführten Figur der Straßenräume. Die markante V -Figur wird im Bereich des Marx-Engels- Forms im Bereich der Terrasse um das Denkmal wieder aufgenommen, um die Singularität zu brechen. Die Rosenbeete bleiben in ihrer heutigen Dimension und Gestaltung als Zeitzeugnisse bestehen. Die monokulturelle Artenverwendung und Interpretation dieser Beete ist, im Sinne der Biodiversität und dem Versprechen zum Verzicht jeglicher Pestizide, zu überprüfen.

Zwei Quartiersparks dienen der Vermittlung mit den angrenzenden Wohnquartieren und den durch Touristen stark frequentierten Räumen des Rathausforums. Ein Jugendaktionshaus bildet Treffpunkt und Anlaufstelle. Die verschiedenen Sportfelder werden multifunktional ausgebildet, um bieten Sportmöglichkeiten im Freien, die alle Generationen ansprechen und zur Verfügung stehen sollen.

Der zweite Quartiersplatz ist neben dem Denkmal Haus Mendelsohn der Vermittlung unseres für die Lebensqualität wichtigen Stadtklimas gewidmet. Die Ablesbarkeit der Forschungs-und Ermittlungsstelle wird mit einer historischen Wettersäule für den Stadtbewohnenden an gleicher Stelle übersetzt.

Berliner Rathaus und Vorplatz: Das Rote Rathaus erhält einen von Bäumen seitlich gefassten Platz, der als wassergebundene Fläche für Wochenmärkte wie auch für politische Veranstaltungen bestens geeignet ist. Die Baumkörper bieten räumlichen Halt und Gelegenheit zum konsumlosen Verweilen auf den langen Sitzbänken. Eine Cafe- und Kiosknutzung im Schatten der Bäume schafft ein zusätzliches Angebot mit freier Platzbestuhlung und Tischen. Die Bestandsbäume werden in das System der kompakten Baumreihen aus Linden wo nötig durch offene Baumscheiben in die wassergebundene Wegedecke integriert. Ein archäologisches Fenster am äußeren Rand des oberen Baumpaktes zeigt die historische Dimension und Komplexität des Ortes auf.

Durch die Aufhebung des Autoverkehrs entlang der Rathausstraße wird der ehemalige eindimensionale Straßenraum neu mit Funktionen aufgeladen. Die zweireihigen Baumreihen schaffen promenadenähnliche Vorzonen zu den Gebäudefassaden und machen die historische Straßenbreite wieder erlebbar. Die Baumreihen bieten neben Fahrradstellplätze insbesondere Aufenthaltsflächen im Freien für die Gastronomienutzung sowie großzügige Wegebezüge für Fuß-und Fahrradfahrende.

Der heute überbreite Verkehrsraum der Karl-Liebknecht-Straße wird auf eine 2-spurige Straße zurückgebaut, die Tramstrecke als Ausweichstrecke, wird in die Fahrbahn integriert. Die nord-westliche Bebauung wird mit Baumreihen gefasst, die den Straßenraum optisch verkleinern.

Der Straßenraum der Spanndauer Straße wird mit dem Ausbau der Straßenbahn auf seine minimale Breite reduziert. Im Zusammenhang mit dem Ausbau wird die heutige unterirdische Leitungsführung neu organisiert, so dass beidseitig die rahmenden Baumkörper zu einem System gelesen und die Struktur des Stadtraumes ablesbar wird. Der öffentliche Raum wird so über die Spanndauer Straße mit dem Marx-Engels-Forum zu einem Raum zusammengefasst.

Das Marx-Engels-Forum vereint in seiner Umgestaltung die unterschiedlich ausgeprägten Raum- und Sichtbezüge ohne die ehemalige Monumentalität und axiale Ausrichtung vom Fernsehturm zu unterstreichen. Die Dichte des historischen Stadtraums findet sich in der Dichte der Vegetation wieder und schafft im Inneren Lichtungen zum nutzungsoffenen Aufenthalt im Freien. Die Koexistenz alle Stadtbewohnenden wie auch der Flora und Fauna wird durch unterschiedliche gemähte und unterhaltende Wiesen- und Rasenflächen geschaffen. Das Angebot in diesen Flächen mit Bienenhaus, Kinderspiel, Cafenutzung, etc. obliegt dem Diskurs und dem Wandel unserer Nutzung öffentlicher Räume. Die durch Lindenreihen gefassten Bestandsbäume werden durch klimaverträglichen und der Biodiversität dienende Neupflanzungen ergänzt. Die Linde als prägender Berliner Stadtbaum bildet ausgehend vom Rathausplatz den Rahmen für die Vielfältigkeit der heutigen Stadtvegetation am Marx-Engels-Forum, dessen spontan entstandene Artenzusammensetzung den fortschreitenden Klimawandel ablesbar werden lässt. Sie stehen für die Vielfältigkeit der Stadt und ihre Bewohnerschaft.

Das Marx-Engels-Denkmal wird, nachdem es für längere Zeit disloziert war, an seinem ursprünglichen Ort wieder aufgestellt. Die ehemalige Monumentalität der Platzfläche wird zugunsten einer Rasenfläche als offene Lichtung im Parks interpretiert. Eine sich öffnende V-förmige Wegeverbildung wird durch einen Kiosk und freie Sitzmöglichkeiten zum zentralen Aufenthaltsort. Eine Terrassenkante mit Sitzmauer sowie barrierefrei verlaufende Hohlwege verbinden den höhergelesenen Bereich des Denkmals mit dem Flussraum der Spree optisch wie auch funktional.

Die Wasserkante des Spreeufers mit seiner heutigen Funktion als Schiffsanleger wird neu organisiert und durch Wegeverbindungen unterhalb der Brücken in der Längsausrichtung mit der Promenade bis zur Museumsinsel fortgeführt. Sitzstufen und Treppen verbinden den Freiraum der Promenade mit der Wasserkante und laden zum Aufenthalt am Wasser ein. Diese finden im Bereich der schattenspendenden Bäume oberhalb der Promenade eine Fortführung innerhalb der großzügigen Rasenflächen und schaffen einen Sichtbezug zum Wasser.

Die zunehmende Erhitzung unserer Stadträume fordert einen systemischen Aufbau unserer Freiräume. Neben der Belagswahl mit hoher Albedo, schattenspendender, kühlender und vor allem klimaresistenter Stadtvegetation, kommt der Regenwasserbewirtschaftung eine zentrale Bedeutung zu. Der geschickte Umgang mit Regenwasser im Sinne der Schwammstadt trägt neben der Entlastung der städtischen Wasserinfrastruktur maßgeblich zur Verbesserung des Stadtklimas und somit zum Erhalt von Lebensqualität sowie zum Schutz der Gesundheit der Bevölkerung bei. Darüber hinaus ist sie eine wichtige Komponente zur Steigerung der Anpassungsfähigkeit der Stadt an den Klimawandel.

Das zentrale Ziel des vorliegenden Konzeptes besteht in einer Angleichung an den natürlichen Wasserhaushalt durch Erhöhung des Verdunstungsanteils des Niederschlagswassers und somit einer Intensivierung der Stadtkühlung. Dafür wird der Gesamtabfluss der Flächen schrittweise reduziert. Aufgrund von Altlasten und Aufschüttungen im Wettbewerbsgebiet ist die Versickerung nur sehr bedingt möglich und sollte zu Gunsten einer Verdunstung reduziert werden. Um das Marx-Engels-Forum sowie das südliche Rathausforum vollständig von der Mischwasserkanalisation abzukoppeln und abflusslos auszubilden wird eine Kombination verschiedener Systeme notwendig.

Neben der Reduktion der Niederschlagsabflüsse durch eine Minimierung der Flächenversiegelung und der Verwendung von teilversiegelten Belägen ist primäres Ziel, möglichst viel Wasser im Freiraum an der Oberfläche zu behalten, bzw. über die Vegetation zu verdunsten. Um das Wasser der Vegetation möglichst direkt und im großen Umfang zugänglich zu machen, werden Bereiche der Vegetationsflächen als Retentionsmulden ausgebildet, bzw. in diesen Bereichen in die Fläche versickert. Das bedeutet, das dort wo möglich Flächen auch temporär einige Zentimeter geflutet bleiben. Durch eine leichte Erhöhung der Wege bleibt die Erschließung der Parkflächen auch nach Starkregenereignissen nutzbar. In befestigten Bereichen sind dezentral angeordnete Zisternen vorgesehen. In sie wird das anfallende Niederschlagswasser eingeleitet, zwischengespeichert und mit Hilfe eines automatischen Bewässerungssystems der umgebenden Vegetation zeitversetzt wieder zur Verfügung gestellt. Die Notüberläufe der Zisternen sind an oberirdische Rückhaltevolumen angeschlossen. Eine kontrollierte regelmäßige Überflutung von zentralen Bereichen, wie der Rasenfläche um den Neptunbrunnen oder der leichten Mulde um das Marx-Engels-Denkmal, führen das Thema der offenen Wasserflächen in der historischen Achse des Fernsehturms fort und zeigen die Regenwasserbewirtschaftung als wesentliches Gestaltungselement des Ortes. Im Bereich des Quartiersparks bilden die leicht abgesenkten Spiel- und Sportfelder weitere offene oberirdische Rückhaltevolumen aus. Ergänzt werden die Systeme durch großzügige offene Baumscheiben sowie im Gehwegsbereich vorgesehene Baumrigolen.

Resüme:

In der Summe entsteht gewissermaßen ein städtebaulich-landschaftsarchitektonisches Modell der Coincidentia oppositorum (Cusanus), also eines Zusammenfalls der vermeintlichen Gegensätze, wie sie sich historisch an diesem Ort ereignet haben. Die miteinander konkurrierenden Modelle der höfischen und bürgerlichen Stadtstruktur werden mit dem Modell des modernen monumentalen Städtebaus zu einer einzigartigen und gegenseitig befördernden Symbiose vereint. In der Vielfalt der so entstehenden Räumlichkeiten und damit Nutzungsoptionen werden Räume und Orte sowohl für den lokalen Nutzer (Kiez) wie auch für den Berliner resp. Touristen geschaffen. Zugleich ermöglicht es die Gesamtanlage für Anwohner wie Besucher den historischen Reichtum dieses Ortes in neuer Form zu erfahren und zu beleben. Alle Orte sind öffentlich nutzbar, die Sichtbeziehungen sind vielfältig und die Maßstäbe sind ebenso angemessen wie die ökologische Bilanz überzeugend sein wird.