2. Phase: 1389 – 4. Preis (1. Phase 1360)


Sowatorini Landschaft GbR, Berlin

Verfasser:in: Sebastian Sowa

Mitarbeiter:in: Gianluca Torini, Ayla Kutas, Lisa Lau, Melina Löwer

Riehl Bauermann + Partner GmbH

Verfasser:in: Ernst Bauermann

Mitarbeiter:in: Jonas Otto

Sonderfachleute: Visualisierung: Leon Giseke, Daniela Corduan; Pflanzenverwendung: Dominic Wachs, Technische Beratung: Wigbert Riehl

Gesamtansicht (Link)

Audiobeschreibung

 

Beurteilungstext Preisgericht

KONZEPT

Das Konzept stellt eine sehr intelligente und prozessuale Strategie dar und ein langsamer und wachsender Prozess wird ermöglicht. Man kann sich intellektuell mit dem Entwurf auseinandersetzen – muss es aber nicht! Der Maßstab des Entwurfs ist für die städtebauliche Umgebung und auch für eine Metropole wie Berlin sehr angemessen. Auf den ersten Blick ist der Entwurf vermeintlich politisch nicht korrekt, auf den zweiten Blick jedoch sehr: Er ist sehr offen, frei, transformatorisch, partizipatorisch und nachhaltig im weiteren Sinne und unterschiedlichste temporäre Formate und Veranstaltungen werden möglich sein. Der Entwurf ist sehr verbindend, indem nördlicher und südlicher Bereich zusammengebracht werden. Auch das Rote Rathaus wird in diesem Entwurf stark verbunden mit dem Freiraum, es wird zu einem RathausFORUM. Der Entwurf hat einen sehr demokratischen Ansatz, weil er so viel zulässt.

Die Symmetrie wird nicht aufgegeben oder halbiert/“geteilt“, sondern um 90Grad gedreht: der Blick vom Rathaus auf eine große, freie, demokratische Fläche entsteht und dahinter der Saum/der Waldrand als Horizont zusammen mit den Scheiben-Häusern entlang der Karl-Liebknecht-Straße.

Das Konzept der eindeutigen Aufteilung wird in Preisgericht jedoch sehr kontrovers diskutiert. Auf der einen Seite wirkt die Vision für 2040 sehr überzeugend, weil der Gesamtraum konsequent durchgehend gestaltet ist. Auf der anderen Seite deutet der Entwurf die Bezüge der bestehenden Raumkomposition radikal um und schafft zwei gegensätzliche Freiraumtypen mit sehr unterschiedlichen Aufenthaltsqualitäten. Sowohl der Umgang mit den historischen Bezügen, die Nutzungsqualitäten der Freiflächen als auch die ökologischen Qualitäten der Platzfläche werden strittig diskutiert.

GESTALTUNG

Die Gestaltung ermöglicht dem Ort den nötigen Raum ohne Dekoration. Gestalterisch werden klassische Ingredienzen auf neue Weise interpretiert (eine gewisse Tuillerien-Stimmung ist gegeben). Die Gestaltung ist sehr adaptiv, bespielbar, nicht festgelegt und bleibt flexibel. Der Entwurf hat eine robuste Basis ist aber auch sehr flexibel. Die große Fläche hat das Potential, die dargestellten Grünflächen zu Pocketparks (inkl. entsprechender Nutzungen) zu entwickeln und zu stärken, d.h. das Verhältnis von Belag zu Grün kann optimiert und weiterentwickelt werden.

Das Spreeufer ist sehr selbstverständlich, „entspannt“ und grün gestaltet. Insbesondere als Pendant zum Humboldtforum aber auch hinsichtlich der Blickrichtung zum Dom und zur Museumsinsel ist der Uferbereich gut entworfen. Warum sowohl die steinerne als auch baumbestandene Seite des gesamten Freiraums im Bereich des Ufers grün gestaltet werden, erschließt sich dem Preisgericht nicht.

Die Möbel von Herrn Kühn werden sehr gut als starker Layer über die gesamte Fläche gedacht. Die vorgeschlagenen Pavillons (Boxen) sind zudem als gutes Angebot für die Bespielung und das Managen des Areals hervorzuheben.

Der Denkmal-Aspekt wird vollständig respektiert. Aus Sicht der Denkmalpflege wird der Entwurf dennoch sehr kritisch gesehen.

Die Entwurfshaltung wird kontrovers diskutiert, insbesondere weil grundsätzliche Inhalte der Aufgabenstellung nicht betrachtet wurden wie z.B. die Schaffung eines intimen eigenständigen Raum im Bereich des Marx-Engels-Forums.

REALISIERBARKEIT, WIRTSCHAFTLICHKEIT, NACHHALTIGKEIT

Es ist nur ein geringer Eingriff in Bodendenkmal zu erwarten, da der gesamte Bereich (ausgenommen dem Ufer) nicht abgesenkt wird. Dadurch entstehen auch geringe Kostenrisiken im Bodenmanagement.

Das Regenwasser wird im Bereich der befestigten Betonflächen konsequent in Zisternen gesammelt, um es zu speichern. Im Baumbereich dienen großflächig die sog. Baumrigolen den Starkregenereignissen und der Baumbewässerung

Ortbeton als Material wird insbesondere hinsichtlich Revisionierbarkeit und der Wartungsfugen kritisch betrachtet und auch die großen Flächen aus wassergebundener Wegedecke werden kritisch gesehen (Staubentwicklung).

Trotz der kontroversen Diskussion bietet der Entwurf eine Reihe von Anknüpfungspunkten für eine Weiterentwicklung:
Die Proportion im befestigten Bereich müssten zugunsten Grün und Bäumen verbessert werden.

Aus Kümmerer-Boxen müssten präsentere multifunktionale Pavillons entwickelt werden.

Theoretisch lässt sich die offene Fläche auch als überwiegende Rasenfläche denken (dies wäre zu prüfen).

Mehr Bestandsbäume sollten erhalten werden, was auch bei diesem Entwurf möglich ist.

Erläuterungstext Teilnehmer

Geteilte Mitte

Analyse:

In dem Ort liegt eine zunächst kontinuierliche, dann brutal wechselhafte Geschichte der Entwicklung städtebaulicher Dichte verborgen. Von einem dichter werdenden mittelalterlichen Stadtkern, zu einer sehr dichten Großstadtbebauung und dann, durch die Zerstörungen des Krieges und die Umplanungen in den 60er und 70er Jahren, hin zu einer offenen Fläche, in die, in den letzten Jahrzehnten, die Dichte des Grüns hineingewachsen ist. In Korrelation dazu erzählt der Ort die Maßstabs-Geschichte einer Stadt, von einem Dorf zur Großstadt und schließlich zu einer Metropole in der sich, genau an diesem Ort, die Tragweite von konträren (welt-) politischen Systemen aufgespannt hat. Berlin ist das Aufeinandertreffen von Systemen und das ist ein Teil der Identität dieser Stadt.

Haltung:

Dieser Ort braucht Raum, keine Dekoration. Erlebbar und bespielbar für Jeden. Zeitlos nicht modisch. Etwas Einfaches, das den Raum für den Alltag der Berliner*innen öffnet. Aber auch ein Raum, der die Strukturen der DDR-Zeit räumlich kommentiert und die vielschichtige Vergangenheit der Stadt sichtbar macht.

Konzept

Ein großer Baumhain und eine weite, offene Fläche mit vereinzelten Solitären transformieren die wechselhafte Geschichte städtebaulicher Dichte. Keine Rekonstruktion von alten Grundrissen. Sondern Offenlegung der Wucht des Raumes und auch der Heftigkeit des räumlichen Wandels. Die Halbierung des Platzraums erhält und bricht die Axialität des Platzes. Die Achse bleibt erhalten, aber die Raumkomposition ändert sich. Eine räumliche Metapher der wechselhaften Stadtgeschichte.

Den (Macht-) Maßstäben begegnet der Entwurf mit dem Kleinen. Der Stuhl als metaphorischer Träger, dass der Platz von den Menschen in Besitz genommen wird. Klein und beweglich. Anordnungen von Stühlen als Spuren von Gebrauch. Ein Platz für die Berliner*innen.  

Kümmerer/ Stühle:

Das bewegliche Mobiliar und die Pflanzen brauchen Menschen, die sich kontinuierlich darum kümmern. Diese Aufgabe übernehmen die Kümmerer, die an vereinzelten Buden, die im Platzraum verteilt sind, ihre Standorte haben. Das Design der Buden ist keine Frage eines abschließenden Designs. Vielmehr muss die Bude immer wieder mit dem Platz zusammengedacht werden und Teil des Prozesses sein. Wichtig ist, dass die Buden, über ihre Materialität und Farbigkeit, als zusammengehörige Ebene erkannt werden.

Denn: Der öffentliche Raum braucht Wertschätzung, Achtung und Pflege. Die Kümmerer haben die Bewässerung der jungen Bäume und Kübel im Blick. Die Kümmerer-Buden sind Verleihorte für Hängematten und Dreiräder und Drachen. Sind kleine Treffpunkte, Gastrotomien und Anlaufstellen für Menschen, die sich nicht auskennen. Und sie kümmern sich um die Stühle. Wobei es auch hier die Möglichkeit gibt zu lernen. Müssen alle Stühle abgeschlossen werden? Können in Teilbereichen die Stühle auch nachts beweglich bleiben? Verändert sich die Haltung der Gesellschaft zum öffentlichen Raum so, dass andere Bewirtschaftungen möglich sind? Auf dem Sechse-Läuten-Platz in Zürich gibt es frei bewegliche Stühle (immer zwei, unauffällig, verbunden), ebenso wie in den ganztägig zugänglichen Basler Parkanlagen. Unterdessen gibt es auch an der Spreeterrasse unterhalb des Humboldtforums die allseits bekannten Stühle des Typs Luxembourg.

Der Entwurf schlägt ein überarbeitetes Design der alten Stühle von Achim Kühn vor, ergänzt um einen Liegesessel, einen Hocker und einen Tisch.

Prozess/ Vegetation:

Der Raum wird sich allmählich verändern. In einem ersten Schritt werden viele neue Bäume für den zukünftigen Hain gepflanzt. Die Pflanzen werden in sehr kleinen Pflanzqualitäten gepflanzt. Gehölze die kleiner gepflanzt werden, können die Bedingungen, fernab der Baumschule, besser adaptieren und haben eine größere Chance sich dauerhaft und vital im neuen Kontext zu etablieren. Dabei kommen Hochstämme, Mehrstämme, Stammbüsche und Heister zum Einsatz, die in den ersten Jahren (mit den präsenten Böcken) ein spannungsvolle Dichte erzeugen. Das Anfangsstadium ist kein Makel, sondern selbstverständlicher Teil der Entwicklung hin zu einem atmosphärisch ausdifferenzierten Hain. Die atmosphärischen Charakteristika der einzelnen Arten sollen spürbar werden. Folgende Pflanzen werden deshalb in Gruppen im Hain gepflanzt, die aber locker ineinander übergehen:

licht-schattige Atmosphäre:
Sophora japonica (die Art, nicht die Regent-Sorte)
Gleditsia triacanthos
Gymnocladus dioicus
Fraxinus oxycarpa `Raywood`
Robinia pseudoacacia `Semperflorens`

Halb-schattige Atmosphäre:
Celtis australis
Ostrya carpinifolia
Liriodendron tulipifera
Quercus pubescens

Schattige Atmosphäre:
Platanus acerifolia
Castanea sativa
Quercus frainetto
Parrotia persica
Tilia tomentosa

Vor allem auf der offenen Platzseite werden die kranken, abgängigen Bäume gefällt, invasive Arten und auch Baumarten, die den klimatischen Veränderungen nicht gewachsen sind. (Fagus sylvatica, Aesculus hippocastanum, Acer pseudoplatanus, Ailanthus altissima u.ä.).

Wie schnell dieser Prozess ist, hängt von der weiteren Entwicklung des klimatischen Wandels ab und wie die Bäume darauf reagieren. In den letzten 10 Jahren wurden ein erheblicher Teil des Berliner-Baumbestandes in der 4-stufigen Vitalitätsskala um eine Stufe heruntergestuft. (Quelle: TU Berlin) Die Auswirkungen sind dramatisch und das Pflanzkonzept versucht mit der ungewissen und dynamischen Situation einen Umgang zu finden.

Dabei ist das räumlich-atmosphärische Ziel, der offene Platz mit den wenigen, markanten Solitären. Diese Solitäre sind bereits in der ersten Phase definiert. Besonders ausdrucksstarke Bestandsbäume von Baumarten, (Platanus acerifolia, Castanea sativa, Pinus cembra, Tilia tomentosa, u.ä) die auch dauerhaft ein gesundes Wachstum erwarten lassen, werden in einer Dichte über dem Platz isoliert, die den Raum gut strukturiert. Diese Solitäre bekommen bereits im ersten Schritt große Baumscheiben, in die die Platzfläche einen Teil des Oberflächenwassers entwässert. Während die Grünflächen im weiteren Prozess langsam kleiner werden und der Platz seinen steinernen Ausdruck allmählich verstärkt bleiben die Baumscheiben mit den Solitären die Konstanten. Das Roden von Bäumen auf der Platzseite korreliert mit der Zunahme an Volumen im Hain und soll so den Platz, in seiner vegetativen Entwicklung, in der Balance halten, die gestalterischen und ökologischen Maßstäben gerecht wird. Langfristig werden Straßenquerschnitte reduziert oder ganz weggenommen und im Hain-Areal wieder aufgepflanzt.

Ein Prozess der Möglichkeiten bietet (in fast forstwirtschaftlicher Denkweise) zu reagieren und die Berliner*innen mit auf die Reise der Veränderung zu nehmen.

Das Material für den Platz werden große Ortbetonplatten (6m x 6m) Ortbeton in dieser Größe ist nicht komplett homogen baubar: Das ist eine Chance!

3 Oberflächenbearbeitungen der Ortbetonplatten brechen die Homogenität des Platzes leicht auf und sorgen für ein feines Spiel aus Textur und Schattenwurf.

Mit der vor Ort gegossenen Bauweise kann das Material auf die vielseitigen Anschlussstellen reagieren. Fallen Grünflächen im Lauf der Zeit weg, wird an dieser Stelle wieder nachbetoniert. Das ist gerade bei den, im besten Sinne, eigenartigen Platz-Geometrien interessant, weil so die Formensprache des Platzes, als Relikt, im Fugenbild sichtbar bleibt.

Übergänge

  1. Die Baumscheiben der Solitäre werden im 1.Bauabschnitt fertig gebaut. Dadurch werden die Solitäre freigestellt und die Anmutung ist deutlich unterschieden, von den anderen Übergängen.
  2. Dort wo der Entwurf die Geometrien der Grünflächen verändert, läuft die Übergang von Grün zu Beton exakt in der Fuge der Platten.
  3. Dort wo die alte Platzgeometrie in der Entwicklung zunächst erhalten bleibt, wird an diese Rundungen, Winkel, etc. heranbetoniert. Wenn zu einem späteren Zeitpunkt weiter betoniert wird, bleibt die eigenwillige Geometrie und Geschichte des Platzes dauerhaft in der Platzoberfläche eingeschrieben und lesbar.

Entwässerung:

Im Hain versickert das Wasser durch die wassergebundene Wegedecke. Der Unterbau mit überbaubaren Tragschichten mit organischem Anteil (Stockholmer Prinzipien) soll dauerhaft eine Durchlässigkeit gewährleisten.

Der hohe Versiegelungsgrad, der sich im Laufe der Zeit auf dem offenen Platzteil entwickelt, wird Teil eines Regenwassermanagements: Das Regenwasser wird an Tiefpunkten gesammelt und in Zisternen (dezentral in Bereichen, die das wegen der Bodendenkmäler erlauben) gespeichert. Einfache Pumpenschächte können von den Kümmerern und Gärtner*innen zur Bewässerung, vor allem der jungen Bäume, genutzt werden.

Ein Teil des anfallenden Oberflächenwassers, wird zu den großen Baumscheiben geführt. Eine leichte Einmuldung durch das Mosaikpflaster-Bord sammelt das Wasser im Bereich der Kronentraufe.