2. Phase: 1391 (1. Phase 1348)

 

 

GRIEGER HARZER Landschaftsarchitekten GbR, Berlin

Verfasser:in: Stefan Grieger, Norman Harzer

Mitarbeiter:in: Markus Storch, Cheng Luo, Ulrike Börst, Hakan Sarac, Abu M. Ziad, Nina Dvorak, Freischaffende Landschaftsarchitektin

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Audiobeschreibung

 

Erläuterungstext Teilnehmende

PARKFORUM BERLIN- EIN FREIRAUM DER TEILHABE

Das Rathaus- und Marx-Engels-Forum ist prägnanter Bestandteil in eine Reihe herausragender Berliner Freiräume und Stadtplätze. Zwischen den primär steinernen Oberflächen des benachbarten Alexander- sowie Schloßplatzes fügt sich das neue Parkforum mit üppiger Vegetation und schattenspendendem Baumdach gleich einer grünen Oase ein.

Neben der besonderen Bedeutung als historischer und mithin touristischer Fixpunkt in der Stadt wird die Berliner Mitte gleichbedeutend als Freiraum der Nachbarschaften und Stadteinwohner*Innen und deren Ausdrucks- und Verständigungswunsch verstanden. Im Dialog mit dem Schloßplatz vis-a-vis, der in gewisser Weise für  Repräsentation und Hochkultur steht, ist das Parkforum ein Ort der „Jederman(n)skultur“ bzw. ein Ort für Alle.

VISION

Im Jahr 2040 ist das neue Parkforum ein Ort der Begegnung und des Austauschs von Einwohner*innen, Nachbar*innen und Gästen der Stadt. Die Menschen sind gerne hier weil es ein übersichtlich und einheitlich gestalteter Ort ist. Die freie Mitte bietet Platz für politische Meinungsbekundung, kulturelle Veranstaltungen und ist Bühne für kreativ-künstlerischen Ausdruck. Ein breites Publikum kommt um zu schauen, wie sich Stadt darstellt. Vielfältig genutzte und gepflegte Partien an den Rändern sind überschaubare Rückzugsorte, niederschwelliges Aktionsangebot und Raum für Kontemplation. Da individuelle Mobilität weniger an Lärm und Abgase gekoppelt ist, wird das neue Parkforum als Einheit und allseitig attraktiv wahrgenommen. Ein schöner Ort in der Mitte der Stadt.

GRÜNE VERBINDUNGEN UND ANBINDUNG

Die historischen Querverbindungen werden durch Baumreihen klar heraus gearbeitet, leiten zum Parkforum und münden in der grünen Rahmung des Parks. So wird eine gute Orientierung im Quartier gewährleistet und die Wegeverbindungen gestärkt. Während die Besucher*innen auf kürzestem Weg zur zentralen freien Mitte am Neptunbrunnen gelangen, wird die Bewegung Richtung Spreeufer zu einem Flanieren en-passant. Die Vision, die angrenzenden Straßen um das Parkforum autofrei zu entwickeln, funktioniert durch die gute Vernetzung der Ortes mit der Stadt durch zahlreiche ÖPNV Mittel. Die neuen U-Bahn Stationen sowie der Ausbau der Tram stärken diesen Ansatz.

ORNAMENT DER VIELFALT

Im Sinne eines Ortes für Alle spiegelt die formale Herangehensweise und Nutzungsprogrammierung die Vielfalt der Stadt wieder. Hier sind die Nischen zum Rückzug zwischen gepflegten Wild-, Schatten- und Großblattstauden, Rasen, Spielorten, Sportfeldern, Raum für nachbarschaftliche Initiative und Orte der Stadtgeschichte. Eine Vielfalt an Nutzungen und Eindrücken, die alle Besucher*Innen einlädt und mitnimmt. Größe, Form und Duktus der räumlichen Gliederung reagieren dabei auf Ansprüche an einfache Durchwegung, niederschwelligen Zugang sowie städtebauliche Bezüge. In der Variabilität und Kleinteiligkeit der Formsprache liegt das Potential für zukünftige Nutzungen, die heute noch nicht absehbar sind.

ZENTREN DES MITEINANDERS

In Ergänzung zu dem individualistischen Versprechen der Vielfalt sind die zentralen Flächen ein Angebot des Miteinanders aller Nutzer. Das Bürgerforum am Neptunbrunnen, die große freie Mitte um das Marx-Engels-Ensemble sowie die Spreeterrassen bilden die Orte des Zusammenkommens an denen sich die umgebenden Räume angliedern.

KONSERVIEREN, AKTIVIEREN, INTERPRETIEREN

Das Rathaus- und Marx- und Engelsforum ist ein Ort an dem sich Berliner Stadtgeschichte kondensiert überlagert. Spuren des Vergangenen sind als teilw. bruchstückhafte Relikte, genutzte Orte und Architekturen sowie nicht mehr sichtbare Erzählungen erhalten, für die ein jeweils individueller Ansatz vorgeschlagen wird. Vorhandene Relikte werden klassisch konservierend herausgearbeitet, genutzte Orte und Architekturen aktivierend als lebendiger Stadtraum weiter entwickelt und nicht mehr sichtbare Geschichte mit einem künstlerisch-gestalterischen Ansatz interpretiert und assoziativ erzählt.

VIEL GRÜN, VIEL KÜHLES NASS

Viel hilft viel – ist die Strategie für einen Ort, der im Kontext klimatischer Herausforderungen von den Nutzer*innen geschätzt wird und von der Stadt erhalten werden kann. Ein maximaler Grünanteil wird durch den Erhalt und die Neupflanzung von klimatisch angepassten Gehölzen, Stauden und Rasenflächen erreicht, die entsprechende Verdunstungs-, Kühl- und Luftreinhaltung leisten und nicht zuletzt aber vor allem Schatten spenden und überraschend attraktiv sind. Ein sehr hoher Anteil von Wasserspielen sowie diversen Wassermanagementstrategien trägt zusätzlich zur Kühlung und Bewässerung der Pflanzen bei.

SPREETERRASSEN

Als grünes Pendant zum steinernen Ufer des Humboldtforums öffnet sich das Parkforum als üppige, attraktiv grüne Spreeterrasse zum Wasser und zur Stadt. Landschaftlich geschwungene Rampen und eine großzügige Freitreppe leiten die Bürger*innen und Besucher*innen zum Spreeufer und bieten durch Rahmungen von Sitzmauern unzählige Sitzmöglichkeiten mit Blick aufs Wasser. Der Spreebalkon auf dem oberen Niveau der Wiesenfreiheit inszeniert die Höhenstaffelung zur Uferpromenade und den zentralen Blick auf das Humboldtforum.

RATHAUSPLATZ

Die freie multifunktionale Rathausvorfläche ist als Ort der Repräsentation, Demonstration und Festivität ein wichtiger Anlauf- und Treffpunkt für alle Bürger*innen. Grüne Inseln rahmen die zentrale Fläche, vermitteln zwischen Rathaus und Neptunbrunnen und betonen zugleich die historische Bedeutsamkeit der Fläche. Farblich changierende Intarsien aus geschliffenem Gussasphalt-Terrazzo verweisen auf die vielfältigen Schichten der Berliner Mitte.

REGENWASSERKONZEPT

Die Kombination aus großen offenen Grünflächen sowie der Vielzahl an grünen kleineren Inseln auf dem Parkforum bieten ideale Voraussetzungen um ein vielschichtiges Regenwasserkonzept zu etablieren. Unterschiedliche Maßnahmen werden vor Ort verknüpft und aneinander gekoppelt, um besonders Ressourcen-schonend mit dem Regenwasser umzugehen. Viele grüne, entsiegelte  und kleinteilige Flächen mit ihren Vegetationsstrukturen bieten Mehrfachoptionen wie Verdunstung, Versickerung, Retention, Kühlung und Transpiration. Versickerungs- und Verdunstungsmulden sowie ober- und unterirdischer Regenwasserrückhalt machen den Ort zu einem klimastarken Stadtzentrum.

VEGETATIONSKONZEPT

Innerhalb der Grüninseln werden repräsentative Pflanzenwelten (Höhe 80cm) geschaffen, die eine vielseitige Artenzusammensetzung aus einheimischen Wild- und Beetstauden, rahmende Heckenkulissen und Sträuchern aufweisen. Der ökologische Mehrwert, die Attraktivität sowie die vielfältige Nutzbarkeit für das Regenwasserkonzept stehen im Vordergrund. Neu gepflanzte Baumreihen aus ‚Ulmus New Horizon‘  und Zelkova flekova ‚Green Vase‘ rahmen das Parkforum und schaffen, durch ihre Eigenschaften als Klimabäume, ein robustes Gerüst für die Zukunft. Die Böschungen zum Spreeufer werden mit Schatten- und Großblattstauden bepflanzt.

Die Rosenbeet-Dreiecke erhalten eine ökologisch-gestalterische Adaption sowie räumliche Auflockerung. Die Ergänzung von Stauden und Kleinbäumen der Arten ‚Elaeagnus angustifolia‘ und ‚Crataegus laevigata‘ zeigen einen Vorschlag zum langfristigen Umbau der homogenen Rosenflächen zu robusteren biologischen Pflanzungen.

STADTBODEN OBERFLÄCHE

Der Stadtboden wird homogen aus einem Material gestaltet. Hochwertiges, oberseits gesägtes Granitgroßsteinpflaster im Passe-Verband bildet die Grundlage der neuen Gestaltung des Parkforums. Ein enges Fugenbild schafft eine optimale barrierefreie Oberfläche. Das rosé-hellgrau-changierendes Granitgroßsteinpflaster wird mit RathausFassade sowie den Klinkerbändern um die Marienkirche abgestimmt und bildet eine hohe Aufenthaltsqualität. Die Randeinfassung des Neptunbrunnens sowie bestehende PflasterOrnamente werden farblich zitiert. Dreieckige Flächen aus geschliffenem rötlichem und beigem Asphalt werden in die Fläche des Stadtbodens integriert, um auf die Vielschichtigkeit der historischen Relikte im Boden hinzuweisen und die Geschichte des Ortes erlebbar zu machen.

MÖBLIERUNGSKANON

Es findet eine Ausstattungs-Familie Anwendung, die in ihrer Gestaltsprache aufeinander abgestimmt ist und auch Objekte aus dem Bestand integriert. Stahl /Metall ist die Basis der Gerüste, Leuchten, Mülleimer und Radbügel, in einem gräulich-beigen Farbton. Holzauflagen auf den langen Bänken sowie auf ausgewählten Sitzmauerkanten verbessern die Aufenthaltsqualität. Historisch anmutendes Objektdesign wird leicht abstrahiert und somit zeitlos variiert.

BELEUCHTUNGSKONZEPT

Die Freie Mitte in der Achse zwischen Fernsehturm und Humboldtforum wird durch 10m hohe Mastleuchten betont, die linear angeordnet sind und in einer kreisförmigen Geste die grüne Mitte des Marx-Engels-Forums umspielen. Alle seitlichen Wege, Promenaden und Flächen erhalten eine atmosphärische Ausleuchtung durch kleinere Leuchten.

BAUPHASEN

Die Umsetzung dieses großen Entwurf- und Realisierungsbereichs wird in mehreren Bauphasen geplant. Die beiden Schwerpunktbereiche vor dem Roten Rathaus sowie die Spreeterrassen am Ufer werden aufgrund der Dringlichkeit des Handlungsbedarfs im ersten Schritt realisiert. Danach folgen angrenzende Bereiche die in zwei weiteren Phasen umgesetzt werden. Insbesondere BA III ist so gedacht, dass aktuell Bedürfnisse evaluiert und  entwurflich eingepasst und integriert werden können. Anschließend oder parallel kann der Modernisierungsteil eine punktuelle Aufwertung erhalten.

Entwurf Zeithorizont 2024

Die Realisierung des Entwurfes erfolgt in mehreren Zeithorizonten. Die Einbettung des Parkforums in die Bestandssituation des umliegenden Straßenlandes zeigt die Adaption der vorhandenen Strukturen. Der Rückbau der breiten Magistralen wird auf lange Sicht angestrebt, um großzügige Fußgängerboulevards und Fahrradstraßen an den Rändern zu entwickeln. Der erste Schritt diesen wichtigen Ort zu entwickeln besteht allerdings darin das Parkforum mit seinem vielfältigen Nutzungsangebot zu realisieren und an den wichtigsten Querungssituationen temporäre Übergänge zu etablieren sowie Fahrspuren des MIV durch farbige Asphaltmarkierungen in Busspuren und breite Radstraßen umzuwidmen.

Entwurf Zeithorizont 2030

Der prozesshafte Zwischenschritt von dem Zeithorizont 2024 bis zur Vision 2040 sieht eine Kombination aus den temporären Maßnahmen wie die Umwidmung von MIV Spuren zu Rad- und Busspuren durch farbige Asphaltmarkierungen sowie die neuen Fußgängerüberwege mit dem Bau der Tramstrecke vor dem Roten Rathaus und auf der Spandauer Straße vor. Entsprechend werden neue Tram-Haltestellen angeboten und die Ausweichstrecke vervollständigt. Die 6 Haltestellen für die Reisebusse werden von ihrem temporären Standort an der Rathausstraße an den Rand der Karl-Liebknecht-Straße verlegt. Der breite Boulevard bietet ausreichend Platz und es kommt zu keiner Lärmstörung von Anwohnern durch die Busse.