2. Phase: 1394 (1. Phase 1354)

 

 

capattistaubach urbane Landschaften PartGmbB, Berlin

Verfasser:in: Matthias Staubach, Dott. Arch. Tancredi Titus Capatti

Mitarbeiter:in: Guangzheng Li, Daria Wolanska, Kamila Lejman-Kudla, Christina Peis, Anne Rohde

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Audiobeschreibung

 

Erläuterungstext Teilnehmende

KONTEXT

Der durch die Spandauer Straße in zwei Teilbereiche, Rathaus- und Marx-Engels-Forum gegliederte, zentrale Freiraum in der historischen Mitte Berlins ist ein Ort zahlreicher Identitäten und auch ein Ort der Sehnsucht nach Identität. An Stelle der einst dicht bebauten Altstadt ist mit der sozialistischen Zentrumsgestaltung ein Ort entstanden, der wie kein zweiter in Berlin die Moderne im ostdeutschen Städtebau vollendet repräsentiert. Dies trifft zudem insbesondere auf die Gestaltung des städtischen Freiraums um den Fernsehturm zu, der in seiner funktionalen und räumlichen Abstufung von offen zu geschützt, von repräsentativ bis ruhig, in Teilen bis heute zu überzeugen vermag. Die breite und verkehrsreiche Spandauer Straße trennt diesen Bereich indes vom Marx-Engels-Forum, dass erst 15 Jahre nach der Anlage des Platzes unter dem Fernsehturm als Park an der Spree etabliert wurde und als autonome Figur nur schwache Bezüge mit seiner Umgebung eingeht.

EXKURS

Die derzeitige Freiraumgestaltung repräsentiert und symbolisiert seinem Typus nach, die ästhetischen und politischen Vorgaben der damaligen Machthaber. Der freiräumliche Bestand ist im Wesentlichen das Erbe dieser Epoche. Diesen gilt es zu respektieren, gleichwohl wir dem axial-konzentrischem Gestus der baulichen und gestalterischen Komponenten einen gänzlich anderen Aspekt gegenüberstellen, der in der Gesamtaussage als Antithese zur vorgefundenen geometrischen Strenge wirkt und die heutigen Design- und Nutzungsanforderungen an den Stadtraum reflektiert.

Diese sind vollkommen anders und neuartig im Vergleich zu den Anforderungen die zur Zeit der Entstehung der Anlage galten. Damals galt es im Zentrum der Macht, repräsentativen Formen sozialistischen Zusammenlebens Ausdruck zu verleihen, weil die veränderten Lebensbedingungen im Sozialismus neue räumliche Beziehungen der Menschen zu ihrer Stadt einforderten. Heute gilt es den sozialistischen Gedanken von Zusammensein, Teilhabe und Kommunikation auf die veränderten Rahmenbedingungen des Klimawandels anzuwenden und neue räumlich-ästhetische Beziehungen der Menschen zur Natur zu gestalten. Sozialismus reloaded, unter dem Primat von Klimaaspekten und ökologische Vorzeichen, gegenüber einem repräsentativen Sinnbild für die Leistungsfähigkeit und die Überlegenheit des sozialistischen Systems.

LEITIDEE

Auf der Suche nach einer zukunftsweisenden Identität, setzt das stadträumliche Konzept auf eine Dualität von Kontrasten im Sinn sich ergänzender Komplementärräume. Die axial (Rathausforum) konzentrische (Marx-Engels-Forum) Gestaltungsidee wird vom Motiv amorph fliesender Vegetationsflächen aufgelöst, die sich auf die geomorphologische Identität des Ortes als Teil des Berliner Urstromtals beziehen. Im Spiel der Gegensätze entstehen so Räume mit spezifischem Charakter und lokaler Identität.

Leitidee der Gestaltung ist eine auf Regenrückhalt ausgerichtete, modellierte Topographie als Metapher eiszeitlicher Landschaftsformen, die innige Verschwisterung von Ästhetik und Ökologie, Park und Platz, die als «urbane Mitte» Intimität und Lebendigkeit gleichermaßen ausstrahlen. Ein Hybrid aus Platz- und Parkanlage mit vielseitigen Angeboten für alle Altersgruppen und Nutzer.

GESTALTUNGSKONZEPT

Für die Entwicklung eines räumlichen Zusammenhangs zwischen den beiden Teilbereichen Rathaus- und Marx-Engels-Forum zielt die Gestaltung auf eine die Spandauer Straße integrierende, übergreifende Geste landschaftlicher Formen, die an den gestalterischen Duktus der Entstehungszeit anknüpft und diesen transformiert. Die vom Fernsehturm über die doppelläufigen Wasserkaskaden, Rosenparterre und den Neptunbrunnen ausstrahlende Achse, mäandriert unter Einarbeitung der historischen Poststraße zur Lichtung des Denkmalensembles und bis zur Spree. Das Marx-Engels- Denkmal wird an zentraler Stelle in die mäandrierende Gestaltung, die sich in der kreisrunden Bodenplatte als Rasenfugen materialisieren, integriert. Die sich zur Spree auflösende Achse zoniert den lang gestreckten Stadtraum in programmatisch unterschiedlich besetzte Bereiche. Zur künftig als Flanierboulevard bestimmten Karl-Liebknecht-Straße werden eher kontemplative Raumaneignungen verortet, die als Kirch-, Luther-, Wald- oder Moonlight-Garten, letztlich zum Lustgarten führen und vegetativ inspiriert sind. Zur Rathausstraße orientieren sich aktions- oder spielbetonte Sport & Freizeitangebote.

Der mittige Bereich wird im wesentlichem durch die vorgegebenen Gestaltungselemente der Denkmalbereiche bestimmt, die gleichwohl einer zeitgemäßen Interpretation nach stadtklimatischen Erfordernissen bedürfen.

Ziel des vorgeschlagenen Gestaltungskonzeptes ist die Neubestimmung der prominenten innerstädtischen Situation im Kontext zeithistorischer Überformungen und nachhaltiger Gestaltung. Allen gemeinsam ist das Thema Wasser, dass in unterschiedlichen Fassetten aufgegriffen wird. In Form von Zerstäubung und Verdampfung, bewegt, still, spiegelnd, sprühend. Nicht zuletzt auch unter der Thematik von Retentions- und Versickerungsaspekten oder kontrollierten Wasserrückhalteflächen bei Starkregenereignissen.

MODERNISIERUNGSBEREICH

Die bestandsorientierte Anpassung des Modernisierungsbereichs konzentriert sich auf die bauliche Anpassung von Technik und Inventar, insbesondere im Zuge des konzipierten Regenwassermanagements, für das vorhandene Grünflächen in diesem Sinn ertüchtigt werden, bestehende Abflussleitungen abgekoppelt und zu Staukanälen qualifiziert werden.  

REALISIERUNGSBEREICH

Die Spandauer Straße gliedert den Realisierungsbereich in zwei grundsätzlich unterschiedlich gestimmte Bereiche, die über eine einheitliche Gestaltsprache und schlüssiges Stadtbodenkonzept miteinander in Beziehung gesetzt werden. Das Stadtbodenkonzept verfolgt dabei das Ziel, die Wahrnehmung der beiden stadträumlich verschieden geprägten Bereiche durch eine räumlich differenzierte, identitätsstiftende Gestaltung zu akzentuieren. Ziel ist es, einerseits das stadträumliche Rückgrat mit einem integrativen Vegetations- und Möblierungskonzept herauszuarbeiten, andererseits den Charakter der in Funktion und Nutzung unterschiedlich gestimmten Platzsituationen mit auf den Ort abgestimmten Wasserspiel- und Sitzelementen als Verweil- und Aufenthaltsbereiche zu stärken.

STADTBODENKONZEPT

Als Kennmaterial der Stadtbodengestaltung wird für den Gesamtbereich ein verschieden skalierter Gestaltungsduktus aus in Reihen verlegten, niveaugleichen Natursteinplatten mit verschiedenen Seitenverhältnissen vorgeschlagen. Eine Besondere Akzentuierung des Stadtbodens ist für den Bereich des Rathauses vorgesehen. Hier akzentuiert ein als „Stadtparkett“ konzipierter Verband die besondere Bedeutung und Wertigkeit des Verwaltungsbaus. Der durch ein lebendiges Fugenbild charakterisierte Verband, soll dabei eine gewisse „Grandezza“ ausstrahlen und die Kulisse des Rathauses als städtebauliche Determinante wieder zum Klingen bringen. Die Differenzierung von Bereichen erfolgt durch Skalierung der Formate, in Reaktion auf Bewegung und Funktion. In befahrbaren Bereichen impliziert die Verlegeart mit unterschiedlich breiten, kleinformatigeren Platten, ein flimmerndes Bild. In Geh- und Übergangsbereichen werden großformatigere Platten verlegt, das flimmernde Bild verblasst, die Bewegung wird langsamer und kommt am Neptunbrunnen zum Stillstand. Unterschiedliche Oberflächenstruktur, Rauheit der Bodenplatten unterstützen Funktionsbereiche und Übergänge. Die Idee der Gestaltung liegt vor allem in der subtilen Definition unterschiedlicher Bereiche bei einheitlichem Material.

RATHAUSFORUM

Gleich dem Respekt für eine alternde Diva werden die historischen Attribute neu in Form gebracht und die stadträumlichen und horizontalen Bezüge neu belebt. Die historischen Rosenbeete bleiben in Lage und Anzahl erhalten. Der im Achsenschnitt von Fernsehturm und Rotem Rathaus liegende, leicht abgesenkte, kreisförmige Pflasterbereich des Neptunbrunnens schlagen wir vor mit einem Raster aus bodenbündigen Zerstäuberdüsen zu akzentuieren, die mit feinstem Wasser-Sprühnebel die großflächig versiegelte Fläche attraktiveren und so u.a. auch stadtklimatische Erfordernisse bedienen.

LUTHERGARTEN

Die im Bereich des Lutherdenkmals existierenden Rasenflächen werden in den mäandrierenden Gestaltungsduktus eingearbeitet und zu einem vegetativ akzentuierten Gartenplatz entwickelt. Zusätzliche Baumstellungen erhöhen den Vegetationsbesatz und stärken den Luthergarten als Ruhezone unter großkronigen Laubbäumen. Raumprägende Sitzmöbel bieten auch größeren Gruppen Sitzgelegenheiten und erhöhen die Nutzerdiversität.

RATHAUSPLATZ

Die Gestaltung des Rathausplatzes folgt dem Entwurfsprinzip. Als repräsentativer Vor- und Veranstaltungsplatz ist er nutzungsoffen und flexibel gehalten, um Raum für kulturelle und politische Aktivitäten zu lassen. Auch hier erhöhen zusätzliche Baumstellungen den Vegetationsbesatz. Die Möblierungselemente entsprechen dem Raummaßstab und bieten sich als Treff- und Versammlungsort an. Ein Raster aus Wasser- und Stromanschlüssen ermöglicht flexible Konfigurationen für Veranstaltungen und Märkte.

FUNKWIESE

Die kleine Grünfläche im urbanen Umfeld von Rathaus und Fernsehturm ist den sportlichen Aktivitäten von Kindern und Jugendlichen gewidmet. Volley- und Streetball-Plätze integrieren sich in den vorhandenen Baumbestand. Räumlich abgesetzt finden sich weitere Angebote wie Kletter- und Springterminals, Fußball-Minigolf oder Calisthenics. Die öffentliche Toilette wird in den dort platzierten Kiosk integriert.

MARX-ENGELS-FORUM

Eingespannt zwischen Nikolaiviertel, Rathausforum, Dom Aquaree und Humboldt Forum, schaffen die parkartigen Großbäume einen Möglichkeitsraum zum klimatisierten Ausruhen und Wahrnehmen anderer atmosphärischer Qualitäten. Alle Bestandsbäume werden erhalten und als Objekte des Denkmalensemble aufgefasst, dessen Protagonisten das Zentrum weiterhin besetzen, gleichwohl nicht mehr bestimmen. Die mäandrierenden Vegetationsflächen variieren in Form und Breite und bilden das Wegesystem des Parks. Die mit ihr eng verknüpften Corporate Identity kristallisiert im Netz vielschichtiger Raum- und Wegebeziehungen als großstädtischer Erholungs- und Transitraum, der vielfältige, aktive, passive und soziale Interventionen zulässt, emotionale und funktionale Bindungen eingeht. Verschieden gestimmte Spiel- und Freizeitbereiche konzentrieren sich zur Rathausstraße, die hier weitestgehend gehölzfrei, im Übergang zum Nikolaiviertel und unmittelbarer Nachbarschaft gastronomischer Angebote, von einem großen Wasserspielplatz atmosphärisch gestimmt ist.

Der fließende Kitt, der alle Teile des Parks zu einer Einheit verbindet besteht aus einem wassergebundenen Glorit-Belag der an die amorph fließenden, flach modellierten Vegetationsflächen anschließt. Die Wiesenflächen werden wo immer möglich von Retentionssäumen begleitet, die metaphorisch als „Wasserschlieren“ gelesen, Verdunstungskühlung begünstigen und die Diversität erhöhen. Zusätzliche Baumsetzungen erhöhen den Baumbesatz, die im Winter einen angenehm besetzten und im Sommer einen angenehm schattierten Ort bereitstellen. Das Spiel von Licht und Schatten unter den Bäumen sichert eine ganzjährige, hochqualitative Nutzung.

Großzügige, die Baumstellungen berücksichtigende, landschaftlich konzipierte Terrassentreppen, vermitteln das Höhenniveau zur Spreepromenade.

WASSER- & KLIMAMANAGEMENT

Die Begrünungsstrategie verfolgt das Ziel, nicht nur die Hitzeeinwirkungen als vielmehr auch die Feinstaub- und CO2- Konzentrationen zu reduzieren. Die zur Ergänzung des Vegetationsbestands vorgeschlagenen Baumarten Zerreiche (Quercus cerris), Amberbaum (Liquidambar styraciflua), Tulpenbaum (Liriodendron tulipifera) und Trompetenbaum (Catalpa bignonioides) haben die Eigenschaften der sogenannten Klimawandelgehölze. Sie vertragen starke Hitzewellen, extreme Trockenheit und Fröste. Im Bereich des des Denmalrondells wird der terrassierte Einbau und die Vernetzung von leistungsfähigen Retentionsboxen mit Wasseranstau und Drosselablauf zur Wasserversorgung von Bäumen und Pflanzen, einschl. Integration und Einspeisung für das Wasserspiel vorgeschlagen.